27.05.2014

die Monicas: Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro über Mütter




// Kath und Sonje haben einen eigenen Platz am Strand, hinter großen Baumstämmen. Den haben sie sich ausgesucht, weil er ihnen Schutz bietet, nicht nur vor dem gelegentlich stark auffrischenden Wind - sie haben Kaths Baby dabei -, sondern auch vor den Blicken einer Gruppe von Frauen, die jeden Tag den Strand bevölkern. Sie nennen diese Frauen die Monicas.
Die Monicas haben zwei oder drei oder vier Kinder pro Nase. Angeführt werden sie von der richtigen Monica, die über den Strand gelaufen kam und sich vorstellte, sobald sie Kath und Sonje und das Baby entdeckt hatte. Sie lud sie ein, sich dem Rudel anzuschließen.
Sie folgten ihr und schleppten die Babytragetasche mit. Was bliebt ihnen anderes übrig? Aber seitdem verschanzen sie sich hinter den Baumstämmen.
Das Feldlager der Monicas besteht aus Sonnenschirmen, Badelaken, Windeltaschen, Picknickkörben, aufblasbaren Flößen und Walfischen, Spielsachen, Sonnenschutzmitteln, Kleidungsstücken, Sonnenhüten, Thermosflaschen mit Kaffee, Plastikbechern und -tellern, und Kühlboxen, die hausgemachte Eislutscher aus Fruchtsaft enthalten.
Die Monicas sind entweder unverhohlen schwanger oder sehen so aus, als könnten sie schwanger sein, denn sie haben ihre Figur verloren. Sie watscheln ans Wasser und brüllen die Namen ihrer Kinder, die auf Baumstämmen oder den aufblasbaren Walfischen reiten oder gerade davon herunterfallen.
"Wo ist deine Mütze? Wo ist dein Ball? Du bist jetzt lange genug auf dem Ding gewesen, lass Sandy mal ran."
Sogar wenn sie sich miteinander unterhalten, müssen sie trompeten, um den Lärm und das Geschrei ihrer Kinder zu übertönen.
"Wenn du zu Woodward's gehst, da sind die Frikadellen so billig wie Hamburger."
"Ich hab''s mit Zinksalbe versucht, aber die Wirkung war null."
"Jetzt hat er einen Abszess in der Leiste."
"Du darfst kein Backpulver nehmen, du musst Soda nehmen."
Diese Frauen sind gar nicht viel älter als Kath und Sonje. Aber sie haben ein Lebensstadium erreicht, vor dem ihnen graut. Sie verwandeln den ganzen Strand in eine Plattform. Ihre Probleme, ihr zappeliger Nachwuchs, ihre mütterlichen Pfunde und ihre Lebenstüchtigkeit können alles zunichte machen, das glitzernde Wasser, die traumhafte kleine Bucht mit den rotstämmigen Erdbeerbäumen und den Zedern, die krumm aus den hohen Felsen ringsum wachsen. Kath fühlt sich besonders von ihnen bedroht, denn sie ist jetzt selbst Mutter. Wenn sie ihr Baby stillt, liest sie oft ein Buch und raucht manchmal sogar eine Zigarette, um nicht im Schlamm des Animalischen zu versinken. und sie stillt, damit ihre Gebärmutter schrumpft und ihr Bauch wieder flach wird, nur nicht, um das Baby - Noelle - mit den wertvollen mütterlichen Abwehrstoffen zu versorgen. // 

aus 'Jakarta' von Alice Munro



Ich musste ein wenig schmunzeln, als ich die ersten Seiten der Erzählung 'Jakarta' las. In diesen Zeilen stecken so viele Clichés und Situationen, die wohl jeder Mutter bekannt vorkommen. Ich fragte mich, zu welcher Gruppe von Frauen ich wohl gehöre - zu den Rudeltieren oder den Einzelgängern, ob wir unsere Mitmenschen auch mit dem Gerede über die beste Windelcrème vertreiben und wie sehr wir uns selbst in unserer Mutterschaft verlieren oder ob man das überhaupt kann.

Die Monicas scheinen Zeit zu haben. Sie verbringen jeden Tag mit ihren Kindern am Strand.   Ihr "Feldlager" gibt uns den Eindruck, dass diese Frauen die perfekten Mütter und Hausfrauen sind, perfekt ausgestattet für einen Tag am Meer. Sie denken nicht nur an Sonnenschutz und Verpflegung, sie überbieten sich selbst in ihrem Eifer. Ihre Kinder essen selbstgemachtes Eis und die Damen trinken Kaffee. Sie sind freundlich und freuen sich über  Neuankömmlinge. Aber Kath hat überhaupt keine Lust, Teil dieser Gruppe zu sein. Wie kommt es, dass sich Mütter von Müttern bedroht fühlen (oder auch generell Frauen von anderen Frauen)?

Vielleicht liegt es daran, dass viele Mütter durch die Mutterschaft einen neuen Sinn im Leben haben und sich darin erst verorten müssen. Vielleicht sind sie unfähig, sich vom Konkurrenzkampf loszulösen. Oder sie sind wirklich so begeistert von ihren Kindern und stellen sich doof an, sodass ihre Freude wie ein Vorhalten des eigenen Glücks und des anderen Unglücks rüberkommt.

Jeder hat eine andere, eine eigene Definition für Perfektion und Work-Life-Balance. Sehen wir in der anderen Frau unsere nicht erreichten Ziele? Mompreneur - Mutter, berufstätig, Hausfrau, Freundin und Geliebte, alles in einer Person. Diese Mutter bekommt alles unter einen Hut und mich wirft der Faktor "krankes Baby" aus der Bahn? Stört manchmal unsere eigene Unzulänglichkeit in der Beziehung zu einer anderen Mutter? Oder denkt man manchmal einfach doch zu unterschiedlich?

Der Textauszug hat noch andere Spitzen. Mütter sollten gelassen sein, wenn andere Mütter anders mit ihrem Mama-Dasein umgehen als sie. Wenn sie es zur Schau stellen, so wie die Monicas es tun, oder sie damit in Ruhe gelassen werden möchten. Nur kann man den Schaustellern nicht entkommen, sie springen einem förmlich ins Gesicht.

Vor ein paar Wochen war ich mit fünf weiteren Müttern, vier Kinderwagen und einer Manduca, am Rhein spazieren. Uns schauten alle hinterher.

Das plumpe Auftreten von Müttern. Das kenne ich nicht. Nur aus Filmen, aus Büchern, aus Geschichten. Aber nicht aus meinem Bekanntenkreis. In meiner alten Heimat hatte ich sehr viele befreundete Müttern. Ich hatte nie das Gefühl, es ginge nur um das Kind und dass sie sich mir mit diesem Thema aufdrängten. Vor allem bei Freunden ohne Kinder "bemühe" ich mich, dass ich nicht nur von Anton spreche. Es gibt ja schließlich noch so viel im Leben. Es gibt viele andere Dinge, die noch interessieren. Und (ich hoffe, ich liege da richtig) meiner Meinung nach, gelingt es mir auch. Aber ich genieße es doch sehr, wenn ich bei unserem allwöchentlichen Babytreff auf Mütter treffe, die (fast) nur, naja ziemlich viel, von ihren Kindern und den Entwicklungen erzählen. Gleichgesinnte im Bezug auf das Gesprächsthema Kinder. Wenn das Baby meckert, hat man die Ruhe, um es zu beruhigen, wenn es hungrig ist, wird es angelegt, hat es neue Entwicklungen gemacht, staunen alle und freuen sich mit.

Ja, es gibt auch hier nicht immer die selben Ansichten. Wenn sechs bis dahin sich fremde, aber durch ein Thema verbundene Menschen aufeinandertreffen, sind Konfrontationen vorprogrammiert. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Wie offen diese Gespräche laufen. Wie viel Toleranz jeder mitbringt. Ich bin wirklich froh, dass ich auf eine Gruppe gestoßen bin, in der keine die Nase rümpft, weil eine Andere ihr Kind hat impfen lassen, weil die Andere früh abstillt oder sich das Kind der Anderen noch nicht drehen kann.

Ich lese viele Mama-Blogs. Das hat in der Schwangerschaft angefangen, und wenn die Zeit es zulässt, genieße ich es, die aktuellen Blogposts bei einer Tasse Kaffee zu lesen. Mir fällt immer wieder auf, wie viel Konkurrenzkampf doch zwischen den einzelnen Mütter herrscht. Vielleicht erleben wir das auch noch, wenn wir täglich zur Kita gehen oder den Tag auf dem Spielplatz verbringen. Bisher bin ich jedoch davon verschont geblieben. Das ist gut.

Ob man direkt spießig ist, wenn man so gut ausgestattet zum Picknick kommt und man jeder Mutter eine vergangene Schwangerschaft ansieht, sei mal dahingestellt.

Die Monicas werden in der Erzählung nicht noch einmal erwähnt. Nur Monica selbst, nach der die Gruppe benannt wurde. Auf einer Abschiedsfeier am Strand gibt sie die perfekte Gastgeberin, sie stellt ihr Haus zur Verfügung, ihre Kinder sind beim Babysitter, sie bringt Decken, als es kalt wird.

 // 'Ich muss nur mal auf die Toilette', sagte Kath. Und im Badezimmer, wie sie es in Monicas Haus nicht anders erwartet hatte, fand sie einen reichlichen Vorrat an Kleenextüchern. Sie ließ das Wasser laufen, bis es heiß war, weichte und wischte, weichte und wische, und von Zeit zu Zeit warf sie einen Klumpen schwarzer und violetter Tücher in die Toilette und spülte. //


Kommentare: