22.09.2014

Der Umgang mit Schmerz (vor und während der Geburt) und ein persönlicher Erfahrungsbericht



Vor einem Jahr habe ich mit einem Artikel angefangen, den ich dann nicht zu Ende schrieb. Ich blieb irgendwo in meinen Gedanken stecken und ließ den Text dann bleiben.

Zehn Monate nach der Geburt habe ich mich erneut an den Text gesetzt und überlegt, wie ich heute darüber denke. (Der alte Text ist kursiv.)


Der Umgang mit Schmerz.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, was mich erwarten wird. Man liest ja allerhand, aber die Schmerzen und die Gefühle, die einem wohl während der Geburt widerfahren, sind sicherlich nicht in Worte zu fassen.

Aber man will sich ja trotzdem darauf vorbereiten. Im Geburtsvorbereitungskurs haben wir dazu eine gute „Denkübung“ gemacht. Wir sollten uns vergegenwärtigen, wie wir bislang mit Schmerz umgegangen sind. Dafür schlossen wir die Augen und riefen uns bisherige Schmerzerfahrungen in Erinnerung. Brauchten wir Nähe? Wie schnell griffen wir zu Medikamenten? Herkömmliche oder alternative Medizin? Machten wie direkt einen Arzttermin? Gab es Tränen?
Nachdem ich mir bewusst gemacht habe, wie ich bisher auf Schmerzen reagierte, erklärte meine Hebamme die gängigsten Schmerzlinderungsmethoden.

Ich kann keine Vollständigkeit der folgenden Möglichkeiten gewährleisten und werde möglichst auch keine Bewertung dazu abgeben, es geht vielmehr um eine allgemeine Auflistung und danach meinen persönlichen Erfahrungsbericht.


Die Wehen der ersten Phase können sich wie ein leichtes Zwicken, ein Ziehen im Unterbauch, wie Krämpfe oder leichte Kontraktionen anfühlen. Bei den ersten Wehen macht es Sinn, noch so lange wie möglich und aushaltbar zu Hause zu bleiben. Im eigenen Heim ist man meistens am entspanntesten. Wichtig hierbei ist natürlich, ob die Fruchtblase noch nicht geplatzt ist, wie die letzte Untersuchung gelaufen ist, ob der Gebärmutterhals verkürzt ist oder nicht usw. Manche Frauen gehen in dieser Phase noch Eisessen und treffen sich mit ihren Freunden. Die Ablenkung tut gut und enspannt. Wenn man zu Hause ist kann auch eine Badewanne mit ein paar Tropfen Lavendelöl beruhigend wirken. Generell gilt, dass man noch keine Geburtswehen hat, wenn man sich noch unterhalten kann.

In dieser Phase kann es außerdem hilfreich sein, wenn man Ruhe bewahrt oder vielleicht noch schläft, um Energie für das bevorstehende Ereignis zu sammeln. Ein Wärmekissen oder ein erhitztes Getreidekissen kann die empfindlichen Stellen warmhalten.

Irgendwann werden die Schmerzen stärker und dabei ist es wichtig, auf seinen Körper zu hören. Manche Frauen möchten lieber liegen, doch die meisten Hebammen empfehlen, dass frau, wenn es kräftemäßig möglich ist, aktiv und aufrecht bleibt - auch während der CTGs. Man unterstützt damit sein Baby, ins Becken zu kommen, Schwerkraft sei Dank. Hier kommt auch der Punkt, an dem die meisten ins Krankenhaus gehen oder ihre Hebamme kontaktieren. Nun gibt es verschiedene Schmerzlinderungsmöglichkeiten, die je nach Belastung und Schmerz gut wirken.



Hier erst einmal die alternativen Methoden:

Eine Massage kann Wunder wirken. Und dabei kann der Partner gut eingebunden werden. Gerade am Steißbein tut es besonders gut. Auch Wärme hilft, sei es ein Wärmekissen oder die Körperwärme (Hand ans Steißbein). Positives Denken ist zwar manchmal „Selbstverarsche“, bringt einen aber in so einer Situation auch voran. Warmes Badewannenwasser kann entspannen und die Schmerzen lindern. Bei der Aromatherapie werden ätherische Öle als Badewannenzusatz ins Wasser gegeben und man atmet die Stoffe ein oder man mischt die Tropfen mit neutralem Öl und nutzt es als Massageöl. Auf einem Pezziball kann man sitzen, sich dennoch bewegen. Wenn man sich auf den Ball legt, wird der Rücken entlastet oder man sitzt kniend vor dem Ball und legt die Arme auf ihn. Wenn die Wehen in stärkeren und schmerzhaften Abständen kommen, wirken Atemtechniken Wunder. Und das Tönen während der Austreibungsphase kann Hemmungen und Stress abbauen und gemeinsam mit dem richten Atmen einen Rhythmus schaffen.


Natürliche Schmerzlinderung

Vor allem während der Schwangerschaft werden die folgenden Möglichkeiten genutzt. Viele Hebammenpraxen bieten Akupunktur an. Meine Angst vor den Nadeln war größer als der eventuelle Erfolg dieser Behandlung, sodass ich die Akupunktur gar nicht erst ausprobierte. Von den Mutigen hörte ich jedoch nur Positives. Gerade bei Schmerzen der Achillissehne wirkte die Akupunktur gut. Für Freunde der Homöopathie gibt es ein ganzes Segment an homöopathischen Mittelchen, die für Schwangerschaftsbeschwerden geeignet sind. Bei der Reflexzonenmassage sind sich Hebammen und Ärzte nicht ganz einig, wie gut sie in der Schwangerschaft ist, deshalb bei Interesse nachfragen. Etwas unbekannter ist die Hypnotherapie, die als hypnotische Geburtsvorbereitung ein mentales Training für die Geburt bedeuten kann.


Medikamentöse Schmerzlinderung

Von den Hebammen oft etwas verpöhnt und von den Ärzten gerne schnell gegeben, sind die medikamentösen Schmerzmittel. Es gibt Mittel, die die Schmerzempfindung nur dämpfen und andere, die betäuben. Außerdem gibt es verschiedene Darreichungsformen, z. B. intravenös oder selbst kontrolliert per Knopfdruck. Am bekanntesten sind wohl die PDA oder die mobile PDA, es gibt aber auch ein Lachgas-Sauerstoff-Gemisch, Opioide, die Spinalanästhesie oder die Vollnarkose. Diese Methoden werden meist erst dann angewandt, wenn die Gebärende keine Kraft mehr hat und der Zeitpunkt noch passt.



Im Geburtsvorbereitungskurs werden die meisten Methoden angesprochen und ich finde es sehr wichtig, dass man sich damit auseinandersetzt. Wie anfangs geschildert, sollte man sich im Klaren werden, wie man bisher auf Schmerzen reagierte. Natürlich ist die (erste) Geburt so ein gewaltiges Erlebnis und man weiß nicht, wie man mit diesen vielleicht unbeschreibbaren Schmerzen zurecht kommen wird. Viele Frauen waren anfangs total gegen eine PDA und entschieden sich dann während der Geburt doch dafür. Ich glaube, dass man wirklich flexibel und offen bleiben muss, weil man nicht einschätzen kann, welche Schmerzen einen erwartet. Manche Frauen schreien, manche liegen und wimmern, andere sind ganz ruhig. So unterschiedlich wie die Schwangerschaften verlaufen, geschehen auch die Geburten.



Persönlicher Erfahrungsbericht

Nach wochenlangem Fest-im-Becken-Sitzen, rückte der errechnete Geburtstermin näher und in den letzten Tagen wurde ich doch ungeduldig. Am 06.11.2013, einem Tag vor dem errechneten Geburtstermin war ich zur Untersuchung bei der Frauenärztin; ohne verzeichnete Wehen, obwohl ich schon wochenlang Vorwehen hatte. Ein Treffen mit den werdenden Müttern des Geburtsvorbereitungskurses und ein langer, langer Spaziergang in Mainz standen an. Am späten Abend ging ich in die Badewanne. Eigentlich badete ich noch nie gerne, aber in der Schwangerschaft macht man das halt. Und an so kalten und verregneten Tagen findet man sogar Gefallen daran. Nach dem erholsamen Bad merkte ich, als ich auf dem Weg ins Schlafzimmer war, dass ich trotz Abtrocknen immer noch nass war, dass ich tropfte, dass der Boden nass wurde und es einfach nicht aufhörte. Aah, die Fruchtblase war geplatzt! (Wie meine Mutter mir erzählte, platzte ihre Fruchtblase auch gegen 22 Uhr und wenige Stunden später war ich auf der Welt.) Dieser Moment, wenn man erkennt, dein Baby kommt in den nächsten Stunden, höchstwahrscheinlich an dem errechneten Geburtstermin, wenn du weißt, du kommst mit deinem Baby wieder zurück in dein Zuhause. Diesen Moment vergesse ich nie, nie wieder. Aber gut, eigentlich möchte ich von den Schmerzmitteln erzählen und nicht den kompletten Geburtsbericht, daher nun etwas kürzer. Ohne Wehen kam ich ins Krankenhaus, wurde untersucht und „eingecheckt“ und bekam ein Untersuchungszimmer für die Nacht. Ich war am CTG angelegt und sollte mich für das kommende Ereignis ausruhen. Am Anfang der Nacht kamen die ersten regelmäßigen Wehen. Alle sieben Minuten hatte ich böse Bauchkrämpfe und ich rannte auf die Toilette. Ich fühlte mich, als hätte ich die Magen-Darm-Grippe. Doch der Wehenschreiber zeigte nichts!! Schon nach wenigen Stunden war ich ziemlich platt, konnte kaum schlafen, weil mich der nächste Krampf wieder aufweckte und stöhnte schon vor mir her. Obwohl mein Freund neben mir ein eigenes Bett bekam, schickte ich ihn irgendwann nach Hause. Wir wussten, so bald würde der kleine Mann nicht kommen. Er sollte sich auch noch ausruhen, aber in unserem Bett zu Hause. Mitten in der Nacht bestätigte mir eine Hebamme, dass die Wehen nicht geburtswirksam waren. Aber sie waren wirklich heftig. Ich sollte schlafen und konnte es nicht, ich konnte nicht ausruhen und hatte starke Schmerzen. Morgens kam ich in meinen „eigenen“ Kreißsaal und war ab da bis zur Geburt am Wehenschreiber festgeschlossen. Die Wehen wurden stärker, ich lief im Kreis umher, bis meine eigens für den Krankenhausaufenthalt neu gekauften Hausschuhe schräg abgelaufen waren, freute mich, als mein Freund kam (der einen Blumenstrauß und ganz viel Proviant mitbrachte), lernte die nächste Hebamme kennen. Puh, nach 12 Stunden Wehen war der Muttermund erst bei 3 cm. Ich war frustriert, ich wusste, dass das Prozedere nun vorsah, dass ich eine Einleitungsspritze bekommen sollte. Vorher wurde ich positiv auf B-Streptokokken getestet. Und hier unterbreche ich kurz den Bericht für ein paar Anmerkungen: Mir war damals gar nicht bewusst, in welchem Stadium der Geburt ich mich befinde - obwohl ich gut informiert war. Wäre ich nicht gerade nachts in der Klinik gewesen, wäre die Phase der „Bauchkrämpfe“ und der „Toilettengänge“ anders verlaufen. Ich hätte nicht versucht zu schlafen, sondern hätte mich von meinem Freund massieren lassen können, hätte mich an einem Stuhl festhalten und tief einatmen können, wäre spazieren gegangen und hätte gedacht, ich täte aktiv etwas für diese Geburt. Ich lag aber mit Schmerzen im Bett und wachte alle paar Minuten auf. Morgens waren die Wehen deutlich stärker, doch ich war permanent ans CTG angeschlossen. Auch hier sah ich nicht die Möglichkeit, viel FÜR die Geburt zu tun, außer die Schmerzen zuzulassen und sie zu veratmen. Ha, veratmen, dieser Begriff. Wie habe ich ihn während des Geburtsvorbereitungskurses belächelt. Und dann ging es nicht ohne. Irgendwann sprach ich mit der aktuellen Hebamme, die mich fragte, was denn mein Problem sei. Sie merkte, dass ich ziemlich frustriert war. Wie gesagt, ich wollte aktiv handeln, irgendetwas tun. Die letzten Stunden waren so kräftezehrend und doch kam die Geburt trotz Einleitung nicht voran. Ich bekam eine zweite Einleitungsspritze und ein Schmerzmittel, das mir in die Nähe des Steißbeins gespritzt wurde. Dieses Mittel ließ die Schmerzen zwar noch zu, doch konnte ich während der Wehenpause besser entspannen. So richtig entspannen; so, dass ich sogar zwischen den drei Minuten eingenickt bin. Jetzt verstehe ich, was diese Aussage bedeutete: „Nutzen Sie die Wehenpausen.“ Das Schmerzmittel war das Beste, was mir zu diesem Zeitpunkt passieren konnte. Nächster Hebammenwechsel. Ich bekam nun eine Wehe nach der anderen, ich veratmete (das viele Singen macht sich also bezahlt) und mein Freund las den Wehenschreiber. Damit half er mir sehr. Er sah, wann die Wehe kam, ließ mich dann kurz in Ruhe oder sagte, wie gut ich das machte, er reagierte einfach genau richtig. Wisst ihr, ich kann euch nicht wirklich erklären, wie sich eine echte Geburtswehe anfühlt. Es nimmt den Körper ein, es krampft, man muss sich in diesem Moment völlig auf sich und die Wehe konzentrieren, man blendet die ganze Welt aus, auch wenn man im Hintergrund die ermutigenden Worte hört. Es kommt wie eine Welle über einen, aber man kann sich darauf vorbereiten. Man merkt, dass der Höhepunkt erreicht ist und freut sich dann darüber, dass man kurz Ruhe hat. Und dann geht es wieder von Vorne los. Kennt ihr das Lied von Roger Cicero, in dem der Refrain so geht: „Ich atme ein, ich atme aus, setze ein Fuß vor dem ander‘n...“? Hat zwar eigentlich mit Liebeskummer zu tun, doch passten diese drei Zeilen einfach gut zu der Situation. Ich veratmete. Irgendwann war ich dann bei 7 cm. Das war der Moment, als ich dachte, ich nehme eine PDA, wenn die Geburt nicht voran geht. Die Hebamme kam, sie bereitete alles für unseren kleinen Mann vor, sagte, dass es nicht mehr lange dauern würde, sie käme in einer halben Stunde wieder. Sie kam aber nach nur wenigen Minuten. Es ging los. (...) und eineinhalb Stunden später war Anton auf der Welt.



Was mir wirklich geholfen hat, waren die Unterstützung meines Freundes, die tolle Hebamme, die die Geburt begleitet hat, das Veratmen ab der ersten starken Wehe und das Tönen während der Geburt. Es war wirklich befreiend, einfach mit einem Ton laut auszuatmen. Während der Wehen fand ich eine gute Position im Sitzen. Stehen klappte leider gar nicht, umherlaufen oder irgendwelche Positionen, die man im Geburtsvorbereitungskurs lernt, konnte ich gar nicht anwenden, weil das Kabel zum Wehenschreiber viel zu kurz war. Bei einer möglichen nächsten Geburt werde ich hier unbedingt für meine „Freiheit“ einstehen!! Der Vierfüßlerstand während der Geburt war für mich genau das Richtige, ich konnte mein Becken bewegen. Und ich würde das Schmerzmittel, (von dem ich nicht mehr weiß, welches es war,) wieder nehmen. Es hat mich so gut ausruhen lassen. Unglaublich, dass man zwischen zwei Geburtswehen einnicken kann. Mir ist erst im Nachhinein bewusst geworden, dass ich wirklich nicht wusste, was mich erwarten würde. Mir half es zwar sehr, während der Schwangerschaft Geburtsberichte von anderen Müttern zu lesen, doch verstand ich es während des Geburtsprozesses nicht, in welchem Stadium ich mich gerade befand. Ich kann bestätigen, dass man eine Geburt nicht planen kann und dass sie oft ganz anders verläuft, als man sich vorstellt.

Und dennoch, auch mit einem Stimmungstief, weil sich der Muttermund einfach nicht öffnen wollte, war dieses Ereignis so tiefgreifend, heftig und bedeutsam, so weltverändernd und schön, dass ich gerne zurückdenke. Gut, dass die Glückshormone viele Momente schön verklären :)


Welche Schmerzlinderungsmethoden waren bei euch hilfreich? Was würdet ihr nicht noch einmal machen? Könnt ihr den Geburtswehenschmerz erklären?

Kommentare:

  1. Wow, danke für deine Offenheit und für diesen Erfahrungsbericht! Immer wenn ich andere Geburtsberichte und darüber lese, wie andere diese und die dazugehörigen Schmerzen empfunden haben, werde ich ganz sentimental. Eine Mischung aus "es läuft mir kalt den Rücken herunter" und "oh, was für ein Wunder!". Bei mir hat nach 10 Stunden starken Wehen eine PDA geholfen, nach der ich sogar 1-2 Stündchen schlafen konnte und währenddessen öffnete sich sogar der Muttermund! Es dauerte dann trotzdem noch 7 Stunden, bis mein Sohn auf der Welt war und am Ende hatte ich trotzdem wieder starke Schmerzen, aber immerhin konnte die PDA mich für etwa 4-5 Stunden halbwegs entspannen. Beim nächsten Mal hoffe ich auf mehr Kräfte meines Körpers, um mich mehr bewegen zu können. Ich konnte nur noch liegen, da sonst meine Beine wegknickten, das war schade.
    Und der Schmerz, hmm...den kann ich glaube ich auch nicht wirklich erklären. ;-) Deine Beschreibung fand ich schon ziemlich gut!
    Liebe Grüße, Carolin

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  2. Liebe Carolin, ich danke dir sehr für die Rückmeldung. Ich glaube, man kann sich Dinge für die Geburt nur wünschen, zum Teil auch selbst bestimmen und muss dann teilweise auch während der Geburt neu entscheiden. Mir wird immer wieder bewusst, wie krass es doch ist, dass ein kleines Wesen fertig aus einem rauskommt. Irgendwie abgefahren. Ich wünsche dir auch, dass bei der nächsten Geburt alles so läuft, wie du es dir wünschst.

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