31.10.2014

Buchtipp: Mamabeat


"Ich kämpfe jeden Tag mit mir, um den richtigen Rhythmus zu finden. Der Beat, der dein Leben unterlegt ist, ist der, der dich auch durch das Elternsein trägt."


Saralisa Volm ist Schauspielerin, 27 Jahre alt, Schriftstellerin, Bloggerin und Mutter von zwei Kinder. Ich kannte sie bisher nur über das Blog Glowbus, wo ich auf ihr erst kürzlich erschienenes Buch Mamabeat aufmerksam wurde.

In Mamabeat erzählt Volm über ihre Erfahrungen, die sie als Mutter gemacht hat. Sie spricht von den Geburten ihrer zwei Kinder (zwei Hausgeburten), ihrer Kindererziehung, die einen strengen Rahmen hat, und ihrem Sinn für Freiheit. Dabei schneidet sie jegliche Aspekte zum Thema Kind an: Vereinbarkeit mit Beruf, das Hebammensterben, die hippen Mütter am Prenzlauer Berg, Betreuung (vor allem durch Familie), ihre Kindheit, die tickende biologische Uhr, das Reisen mit Babys oder Babysicherheit im Haus. Man verliert leicht den Überblick über all die Themen, die sie anreißt und doch nicht immer vertiefen kann.

Interessant wird es, wenn sie ihre eigene Feldstudie zur Fragestellung "Warum hast du keine Kinder?" betreibt. Sie stellt neun Portraits von ihr bekannten Frauen zusammen, die ihr Lebensmodell erklären. Man liest also von einer Medizinerin, die alle Rahmenbedingungen geklärt haben möchte, bevor das Kind kommt. Aber sie und ihr Freund wünschen sich ein Kind. Die Mode-Unternehmerin ist erfolgreich und ihre Firma ist "zum Baby geworden". Sie mag zwar Kinder, doch kann sie sich auch ein glückliches Leben ohne eigenes Kind vorstellen. Auch eine ungewollt kinderlose Frau erzählt ihre Geschichte. Nach vielen gescheiterten Befruchtungsversuchen, vielen Tränen und Streitereien ist sie 40 und weiß, dass sie nicht mehr um jeden Preis ein Kind haben möchte.

Das Buch gibt einen sehr stark persönlich gefärbten Einblick in die Denk- und Handelsweise der Schriftstellerin. Sie liebt ihre Kinder und ihr Leben, das sie bis dahin gehabt hat. Und mit diesen Zeilen möchte sie Frauen ermutigen, die verschiedenen Seiten des Lebens nicht zu trennen. Sie macht das ganz praktisch, in dem sie weiterhin als Schauspielerin arbeitet. Dadurch hat sie an sich flexible Arbeitszeiten, die sich auf bestimmte Wochen im Jahr beschränken. In diesen Wochen zieht sie sogar in eine eigene Wohnung in Berlin, um sich voll ihrer Arbeit widmen zu können.


In all dem Klimborium ihrer Aussagen, in dem manchmal der Leitfaden aus den Augen verloren wird, gibt es einige Gedanken, die mich weiterhin beschäftigten.

"Jede Familie muss ihren eigenen Rhythmus finden." Vielleicht ist das die Hauptmessage des Buches. Mamabeat. Das ist der Beat, "der sich auch durch das Elternsein trägt." Man solle nicht vergleichen oder zu viel fordern.

Mir gefällt, wie sie sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern vorstellt. Ein Miteinander und auch Nebeneinander im Alltag. Außerdem entstehe vor allem dadurch das soziale Verhalten der Kinder.

Sie beantwortet auch einige Fragen zum Thema Studium. Dabei sind mir hier die praktischen Lösungsansätze am liebsten. Sie schreibt: "Lernen kannst du um die Kinder herum." Bei Museumsbesichtigungen sehe sie zwar nur einen ganz geringen Teil der Sammlung, doch ließen sich ihre Kinder immer von etwas ganz Anderem, Kleinem begeistern.  Auch in ihren Kindheitserinnerungen spielt das Studium eine große Rolle. Ihre Eltern studierten beide. Für Volm war es also ganz normal, dass ihre Eltern an der Uni waren und sie bei einer Nachbar-WG unterkommen durfte. Sie schreibt aber auch von dem "Organisationswahnsinn", den ein Studium mit Kind mitsichbringt. 

Mit Kindern lerne man noch mehr. Sie haben so viele Fragen, die Eltern nicht beantworten können, dass sich die Eltern damit auseinandersetzen müssen.

Volm geht an mehreren Stellen auf die "Mitte-Blase" ein. Familien, die in den Berliner Stadtteilen Prenzlauer Berg oder Mitte leben, die Kleidungsstücke, den Kinderwagen und die Spielzeuge bestimmter Marken kaufen und die sich an die "unausgesprochenen Regeln" halten. Eltern, die ihre Kinder als Selbstverwirklichungsmittel sehen. Volm kommentiert dieses Verhalten etwas später mit "Alles bleibt relativ." in großen, fettgedruckten Lettern, doch folgen darauf Zeilen zu ihrem eigenen Kaufverhalten und schreibt sehr überzeugt, welche folgenden "Dinge (sie) nie benutzt haben, obwohl sie wahrscheinlich auf jeder Erstausstattungsliste stehen". Auch habe sie genauso wenig "Geld in Geburtsvorbereitungskurse, Ratgeber und Umstandsmoden gesteckt."
Von den Mitte-Moms kommt sie auf ihr eigenes Leben und erklärt dann, warum gebrauchte Spielsachen nicht weniger wert seien als neue. Am Ende dieses sechsseitigen Kapitels kommt sie zu dem Schluss, dass "Kinder keine Frage des Geldes (sind), sondern eine Entscheidung, die wir treffen." Für sie sei es daher eigenartig, wenn Menschen darauf warten, bis sie ein bestimmtes Gehalt bekommen, ehe sie Kinder kriegen.
Vielleicht erkennt man an diesem kurzen Kapitel die Problematik, die ich mit diesem Buch habe. Es gibt vereinzelt Aussagen, denen ich nur zustimmen kann, doch teile ich Volms Ansichten an deutlich weniger Stellen. Das ist natürlich ein persönliches "Problem", doch kumuliert das mit ihrem sprunghaften Schreibstil und ihrer Überzeugung, dass sie das alles ziemlich gut hinbekomme. Ich finde es schade, dass sie sich an so vielen Stellen mit einem polemischen Unterton über die Mitte-Eltern auslässt. Für mich als Nicht-Berliner ist das uninteressant oder irrelevant bis mäßig interessant. Doch da sie das Thema immer wieder aufgreift, scheint es ihr viel zu bedeuten.


Auch wenn ich einzelne Aussagen und Passagen interessant und nachdenkenswert finde, begeistert mich dieses Buch als Ganzes nicht. Durch die vielen einzelnen Kapitel lässt sich das Lesen zwar gut im Mami-Alltag integrieren, doch erinnern die Texte viel mehr an zusammengestellte Blogposts, als an ein ausgereiftes, einheitliches Buch.


Was denkt ihr? Habt ihr das Buch gelesen? Was hat euch daran (nicht) gefallen?

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