14.10.2014

Vom Tragen und Getragenwerden

Es gibt ein Thema, das mich immer wieder stark beschäftigt: Das Tragen von Babys. In der Schwangerschaft freute ich mich darauf, mein Baby mit einer Tragehilfe durch die Gegend zu transportieren, ganz nah an meinem Körper würde ich ihn wärmen und er könnte meinen Herzschlag spüren.

Dann kam Anton, die perfekte Manduca bekamen wir von lieben Freunden zur Geburt geschenkt und nachdem er die 3,5 Kilos erreichte, freuten wir uns riesig, ihn endlich einzupacken. Doch da kam die Erkenntnis: Nicht jedes Baby lässt sich gerne tragen. Wir hatten wirklich viel Mühe damit. Unter Anleitung unserer Nachsorgehebamme packten wir Anton in die Manduca, doch er schrie und schrie. Wir versuchten es mit dem Entengang, zur Beruhigung, liefen drinnen und draußen. So gerne wir ihn mithilfe der Manduca tragen wollten, ihm gefiel es nicht. Ich schielte immer ganz neidisch zu meinem Mit-Muttis, die ihre Babys stundenlang spazieren trugen. Einige Zeit später, als Anton zahnte, versuchte ich es erneut und gab der Tragehilfe eine weitere Chance. Und es klappte! Aber auch nur draußen und für eine halbe Stunde. Dann wurde es ihm wieder unbequem. Schlafen konnte er darin so gut wie nie. Außerdem wollt er sich umschauen, weil er so neugierig war. Nun ist Anton größer und lässt sich gut tragen. Er schläft ein, schaut sich um, ich kann ihn auf dem Bauch oder auf dem Rücken tragen. Doch ist er nun richtig schwer und ich bekomme nach einer Stunde die ersten Schmerzen.

Da ich ihn nicht von Anfang an trug, gewöhnte ich mich natürlich schnell an einen Kinderwagen und an die Vorteile. Man kann sooo viel verstauen, Anton liebte den Kinderwagen und schlief dort nicht nur eine halbe Stunde, sondern gerne auch mal zwei Stunden. Und die Mainzer sind wirklich freundlich und helfen einem immer, halten die Türe auf oder tragen den Kinderwagen in den Zug. Ich fand es dann natürlich auch richtig praktisch, wenn ich staubsaugen musste und kein Kind erschwerte mir die Arbeit. Das Positive in der Notwendigkeit sehen.

Aber nachdem ich mich in der Schwangerschaft schon so viel mit dem Tragen von Babys auseinander gesetzt und mich darauf gefreut hatte, war ich ziemlich enttäuscht. Bei all dem muss man aber auch wissen, dass Anton es liebt, auf dem Arm gehalten und so getragen zu werden. Nur eben nicht in der Tragehilfe. Wie oft habe ich ihn schon während eines gesamten Museumsaufenthaltes auf dem Arm gehalten und ihm so die Kunstwerke gezeigt. Ihr solltet mal meine Armmuskeln sehen! :)


Aber zurück zum eigentlichen Problem. Es ist nämlich so: Liest man Hebammenblogs oder schaut auf die Instagram-Accounts von Müttern, weiß man, dass Tragen das allerbeste für das Kind ist (sprich sein soll). Unter den Hashtags #borntobeworn #unterdemherzen #babywearing #keepthemclose #tragenistliebe zeigen Mütter wunderschöne Tragebilder und verbreiten damit eine Einstellung. Eine Einstellung, die ich auch mal hatte, die jedoch durch die Realität einen harten Dämpfer erlitten hat. Ich schätze diese Mütter, keine Frage! Wirklich. Es ist wunderbar, dass sich ihre Kinder gerne tragen lassen. Aber ich werde immer wieder damit konfrontiert, dass es bei uns nicht gut klappte. Manchmal scheinen die Hashtags schon fast ein Vorwurf zu sein. Wie, du trägst nicht?! Aber das schiebe ich einfach mal auf meine persönliche Empfindung mit dem Hintergrund, dass es bei uns nie so recht funktionieren wollte.

Mir geht es vielmehr darum zu sagen, nicht jedes Baby möchte mit einer Tragehilfe getragen werden. Ich möchte uns den Druck und die Illusion nehmen, dass das Tragen das Allerbeste für das Kind ist. Und dass sich das Kind auch sehr wohl und geborgen im Kinderwagen fühlen kann. Ich wünsche jedem einen entspannt(er)en Blick auf dieses Thema und vielleicht keine frustrierenden Probleme mit den ersten Versuchen.

Tolle Frauen, die ihre Kinder tragen sind zum Beispiel A lovely journey, Fox & Beau und Hebammenblog. Sie stellten erst kürzlich Anleitungen und Informationen zu verschiedenen Tragehilfen online. Auch auf der Homepage des Tragenetzwerks gibt es allerlei Informationen.


Wie sind denn eure Erfahrungen? Welche Trage könnt ihr empfehlen? Hatten ihr vielleicht auch Probleme oder ließen sich eure Kinder einfach nicht tragen?



P.S. Es gibt natürlich sehr viele unterschiedliche Hersteller von Tragetüchern und -hilfen, die bei einer Trageberatung durchprobiert werden können. Vielleicht hätte sich Anton in einem Tuch besser tragen lassen, doch war mir der Wechsel ehrlich gesagt zu teuer und zu umständlich.

Kommentare:

  1. Hallo Betsi,

    mir geht es sehr ähnlich wie Dir. Für mich war während der Schwangerschaft klar: Ich will mein Kind ganz viel tragen, das ist das Beste und das wird toll. Dann kam Charlotte auf die Welt und es war leider gar nicht so einfach wie ich mir das vorgestellt hatte. Unsere Hebamme hat uns ihr Tragetuch ausgeliehen, eins von Storchenwiege. Das viele Binden und Rumgezerre fand Charlotte aber leider total doof, aber wir mussten das ja auch erstmal üben. Mit einem schreienden Kind gar nicht so einfach. Viele Kinder werden dann ja ruhig, wenn sie in der Trage/dem Tragetuch sitzen und geschuckelt werden, Charlotte jedoch gar nicht. Sie hatte sich dann so in Rage geschrien, dass sie schwitzte und sich abstoß, sodass wir oft aufgaben. Dann haben wir uns eine Trage von EmeiBaby gekauft. Mit dieser funktioniert das Tragen schon viel besser, die Trage ist schnell angelegt und Charlotte daher viel ruhiger. Trotzdem läuft das Tragen noch nicht perfekt, meistens trägt sie ihr Papa, bei mir wittert sie oft Futter auch wenn sie gerade erst gestillt wurde und ist dann unzufrieden. Habe ich zumindest manchmal das Gefühl. Aber wir üben das noch, denn generell scheint sie die Trage doch zu mögen und schläft immer mal wieder ziemlich gut darin ein. Sie ist ja noch keine 12 Wochen alt, daher wird sich das bestimmt noch besser einspielen.

    Liebe Grüße
    Judith

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    1. Liebe Judith, ich danke dir für deine Worte. Es wird bestimmt noch besser mit dem Tragen! Einfach nicht aufgeben und es immer wieder versuchen, ohne Stress. Es klappte von Mal zu Mal besser und nun kann ich Anton immer zur Tagesmutter tragen. Und stimmt, das hat bestimmt auch was mit der Nahrungsquelle zu tun - bei meinem Freund klappte es damals auch besser. Jetzt kannst du es also genießen, Absätze zu tragen und jeden Kleinkram im Kinderwagen mitzunehmen und später, wenn deine Tochter (der Name ist soo toll!) schön schwer ist, lässt sie sich tragen ;-)

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  2. Liebe Betsi, danke für diesen Artikel - ich empfinde das ganz genauso! Ähnlich geht es mir auch mit den Hashtags zum Thema Stillen bzw. eigentlich mit allem, was in Sachen Mutterschaft fast schon dogmatisch dargestellt wird.
    Ich war/bin in jeder Mamrunde/Babygruppe die einzige, die nicht stillt/gestillt hat und ich trage meine Tochter nicht, weil sie es nicht mag. Es ist ihr einfach zu eng, schnell zu warm und länger als ein kurzer Besuch im Supermarkt funktioniert das Tragen einfach nicht. Sowohl das Stillen als auch das Tragen hätte ich mir beides sehr gewünscht - aber manchmal haben die Babys einfach ihre eigenen Pläne, und dann muss man sich eben anpassen ;)
    Trotzdem ertappe ich mich manchmal beim Surfen auf Instagram dabei, ein schlechtes Gewissen zu bekommen, weil ich nicht 3x/Woche einen Kuchen gebacken bekomme, keine DIY-Deko fürs Kinderzimmer stempel, ich mich statt #lovedoinglifewiththem wieder auf #lovemyjob freue... Hm, grundsätzlich ein schwieriges Thema, bei dem ich mir wünschen würde, dass einfach jeder sein Ding machen kann, ohne schief angekuckt zu werden.

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    1. Liebe Unbekannt, ich kann dir da auch nur zustimmen! Ich bin ein großer Fan von Instagram und freue mich sehr darauf, abends meinen Feed durchzugehen. Bei mir sind es meistens die Momente, wenn XY zum 10. Mal in diesem Jahr im Urlaub ist und ich einfach Fernweh bekomme ;-)
      Aber ich verstehe total, was du meinst. Ich habe mit meinem Babytreff wirklich Glück und habe dort nicht (bzw. ganz selten) das Gefühl, dass eine Mutter prahlt oder ihr Tun aufdrängen will. Das erlebe ich tatsächlich viel eher auf den Blogs oder auf Instagram. Ich habe Anton (auch) gekaufte Gläschen gegeben, er hat auch Plastikspielzeug und er trank über ein Stillhütchen. Es ist natürlich gut, was alles an Natürlichkeit und "Was-Babys-wirklich-wollen" vermittelt und propagiert wird, nur wird da häufig außer Acht gelassen, dass es einfach nicht immer bei jeder Frau funktioniert. Man liest ja Blogs oder schaut sich Fotos plus ihre Texte auf IG an, weil sie persönlich sind, doch muss man sich wahrscheinlich häufiger daran erinnern, dass es immer nur der Ausschnitt vom Leben ist, den der Poster zeigen möchte. Ach, über dieses Thema könnte man stundenlang sprechen.
      Aber ein kleiner Schritt ist es ja immer, wenn man selbst sich nicht so stark davon beeinflussen lässt. Oder manchmal einfach diesen Leuten "entfollowet". (Schreibt man das so?!)

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    2. Oh jaaaa, über dieses Thema kann man wirklich stundenlang referieren ;) Aber wie Du sagst, man muss sich einfach ab und an in Erinnerung rufen, dass (so wie man selbst ja wahrscheinlich auch) auf IG & Co. eben nur die schönen und ansehnlichen Bilder des Alltags gezeigt werden. Meinen unerledigten Wäscheberg würde ich auch nicht posten. Die Meinung der anderen ist mir - zumindest in 99% der Fälle - auch egal bzw. höre ich es mir an und denke drüber nach und entscheide dann für mich, was ich mit den ja meist gut gemeinten Ratschlägen oder ähnlichem anfange.
      Ich finde es übrigens ganz toll, wie Du den Alltags mit Anton angehst, nebenher noch studierst und Dein Ding machst - das sollte an dieser Stelle auch mal gesagt sein! :)

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    3. Manchmal ist es ja ganz erfrischend und aufhellend, den Wäscheberg der Anderen zu sehen ;-) Mir tut es auf jeden Fall gut, wenn ich die positiven Dinge teile und mich an sie erinnere. Man muss sich einfach immer bewusst sein, dass es immer nur ein Ausschnitt des Lebens ist. Und bestimmt haben manche wirklich so ein tolles Leben, reisen viel und bekommen alles irgendwie unter einen Hut, aber das ist wohl meistens die Seltenheit.
      Und ich danke dir wirklich sehr für deine Worte! Ich geb mein Bestes, habe zwar nicht den unkompliziertesten Sohn, aber dafür auch einen tollen Partner, der mich unterstützt.

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  3. Meine Tochter wollte am Anfang überhaupt nicht in den Kinderwagen und ich war so froh über das Tragetuch. Noch dazu haben wir hier in der Umgebung nahezu ausschließelich Pflastersteine und enge Altstadtgassen. Aber manchmal hab ich den Kinderwagen schon vermisst. Mittlerweile mag sie den Kinderwagen wieder ganz gerne&freut sich wie verrückt über Blätter usw. Grad auf ganz langen Spaziergängen, wo ich zwischendrin stillen muss, find ichs so viel unkomplizierter. Noch dazu haben wir kein Auto und so ein Wocheneinkauf transportiert sich mit Wagen gleich viel besser :)
    Ich find deinen Blog wirklich schön, übrigens. Da schau ich bestimmt öfter mal vorbei!

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    1. Das freut mich aber! :)
      Stimmt, aus meinem Bekanntenkreis konnten auch zwei Frauen anfangs gar nicht ihre Kinder in der Wagen legen. Es ist echt interessant, wie stark sich die Babys schon von Anfang an unterscheiden.

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