28.11.2014

ein Nachmittag in Darmstadt

Ich habe ja schon häufiger erwähnt, wie sehr ich unsere Gegend liebe. Die Nähe zu Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt sind unbezahlbar, und nicht weniger gut erreichbar sind auch Mannheim, Heidelberg, usw. Wir haben tolle Landschaften, wichtige Industrie, den Main und den Rhein und furchtbare, aber auch liebenswerte Dialekte.

Mir ist bewusst, dass die Geschichten um diese Städte nur für einen Teil der Leser interessant sind, doch bleibt es für mich undenkbar, ihnen hier keinen Raum zu geben.

Deshalb: wieder ein Nachmittag in Darmstadt. Gemeinsam mit Anton.


Wir kommen in Darmstadt an, wieder einmal zu spät, denn hier muss man einfach immer mit Verspätungen rechnen. Direkt am Bahnhof gibt es eigentlich ein gutes italienisches Café, doch davon erzähle ich ein anderes Mal. Wir sind nämlich auf dem Weg zu meinem Freund, um seine Mittagspause gemeinsam zu verbringen. Der Luisenplatz ist eigentlich der Hauptplatz der Innenstadt. Es ist ein Knotenpunkt, an dem Busse und Straßenbahnen kumulieren und von wo aus man einen direkten Zugang zum Luisencenter (überdachte Shoppingmeile) und den Einkaufsstraßen hat. Wenn man kurz Zeit hat, sollte man die Wilhelminenstraße hochlaufen. Diese Straße endet auf einer Anhöhe mit einer katholischen Kuppelkirche. Rechts davon gibt es ein großes Freifeld. Und dann außergewöhnliche Architektur. Ich bin jedes Mal erneut verblüfft, wenn ich von der Anhöhe aus auf das Staatstheater blicke und diese Weitläufigkeit und diese Formen betrachten kann. Es ist ein außergewöhnlicher Ort. Ich sollte mir einmal die Innenarchitektur ansehen.



Doch wir haben heute dafür keine Zeit und treffen uns in der Centralstation. Die Centralstation ist ein Kulturort, der ziemlich viel Programm bietet. Von Lesungen, Konzerten, Partys und Kinderstunden, bekommt man dort wohl das Beste an kulturellem Input (dieser Art), das Darmstadt zu bieten hat. Und außerdem gibt es hier ein Mittagsbuffet. Die Kulturkantine, wie dieser Ort in den Mittagsstunden heißt, bietet frisches Essen zu einem guten Preis an. Man hat die Auswahl zwischen Suppe und Buffet inkl. Salat. Das Tolle ist hier, dass es eine kleine Spielecke mit unendlich vielen Duplo- und Legosteinen gibt. Anton konnte sich gar nicht auf das Essen konzentrieren, weil wir uns so nah an die Spielecke gesetzt hatten. Außerdem gibt es viele Hochstühle und die Kinder essen kostenlos mit. Weil der Raum so groß ist, stört es auch nicht, dass die Kinder manchmal lauter sind, weil das Getöse in der Weite verhallt.


Zum After-Lunch-Cappuccino gehen wir zum SALVE!. Völlige Routine unsererseits. Aber es ist auch einfach lecker in diesem Eckcafé. Und was mir auch immer zusagt, sind die kleinen Blechtabletts, auf denen der Kaffee mit einem italienischen Amarettini und einem Glas Wasser serviert wird. So wie es eben sein sollte. Draußen sitzen lohnt sich, zum Leute gucken, innendrin ist es immer voll und mit Kind nicht unbedingt gemütlich. Wir verabschieden meinen Freund und laufen los. Ich mag es überhaupt nicht, in  Einkaufspassagen einzukaufen und bevorzuge es, in offenen Straßen zu bummeln. Und vor allem zu entdecken. Dieses Mal entdecke ich in der Wilhelminenstraße einen kleinen Einrichtungsladen mit dem kitschigen Namen Art and More, der nicht nur Geschirrtücher, Lampen und Körbe verkauft, sondern auch Schmuck, Geschirr und Papeterie. Ganz nett. Nebenan findet man einen sehr kleinen Laden namens Hackmann. Hier gibt es ausgewählte Kleidung, z. B. von Filippa K oder Black Lily. Für mich dieses Mal nur zum Windowshoppen interessant. Ach ja und der dm, genau wie der dm in der Ludwigstraße haben Wickelplätze - das ist immer gut zu wissen.

Wir machen noch einmal einen Schlenker und gehen in die Luisentraße. Ich schrieb schon einmal auf betsi über Hautsache - ein feiner Laden mit Beatuy und Pflegeprodukten. Warum Dr. Hauschka in der Drogerie kaufen, wenn man das auch an so einem Ort machen kann? Nebenan gibt es das Café Hochland. Es ist eine einfach gehaltene Version von Starbucks-Nachahmern. Der Kaffee und der Kuchen sind gut und man kann dort lange verweilen. Die Atmosphäre könnte netter sein. Doch gerade weil dort so eine ungezwungene Atmosphäre herrscht und man ja trotzdem guten Kaffe bekommt, gehen wir auch mal dort hin.
Eigentlich wollen wir schon in den Bus steigen, doch ich erzähle euch an dieser Stelle, wo in der Innenstadt ich mich am liebsten aufhalte.

Zum Einen ist das die Schulstraße. Hier reihen sich ein tolles Lokal oder Geschäft neben dem andern. Ein Miniladen für Bio-Lebensmittel, das Café apéro (ich berichtete hier), selbst das Brillengeschäft sieht toll aus, der Blumenladen Fleur In und in einer Passage, die sich nach links hin öffnet, findet man die Suppenküche Elisabeth. Bei gutem Wetter sitzt man draußen und schaut auf uralte Gegenstände im Schaufenster eines Antiquitätenladens. Bei schlechterem Wetter sitzt man mit fremden, hungrigen Menschen nebeneinander am Tisch und freut sich über die guten, warmen Suppen. Ganz viel Liebe steckt hier drin. Kein Wunder also, dass das Elisabeth zur Mittagszeit immer proppenvoll ist.

Mit dem Kinderwagen kann man leider nicht die Abkürzung (Treppen) zum Stadtkirchplatz nehmen, also macht man einen kleinen Umweg über die Ludwigstraße (hier ist der zweite  dm mit Wickelplatz). Diese Seitenstraße beherbergt das Café Zoo. Ich mag die Stimmung dieses ehemaligen Zoogeschäfts und es gibt Mittagsgerichte, die innerhalb von wenigen Minuten bereit sind. Ansonsten wirkt die Bar auch nicht schlecht. Bisher saß ich nur unten, weil das mit Kinderwagen eben freundlicher ist. Gehen wir die Straße weiter, kommen wir zum Marktplatz. Aktuell ist der Platz mit dem Weihnachtsmarkt verbaut, sonst findet hier der Wochenmarkt statt. Und Achtung - schaut man hoch auf die Häuserfront, sieht man eine Kuh. So blöd das auch klingt, ich schaue da jedes Mal hoch.
So, wir steigen endlich in den Bus, in Richtung Mathildenhöhe. Darmstadt ist bereits auf der Autobahn als Zentrum des Jugendstils ausgeschrieben und hier kommt man in eines seiner Zentren. Doch davon ein anderes Mal.




Wir steigen an der Haltestelle Spessartring aus und ganz plötzlich überkommen mich sentimentale Gefühle. Als ich das erste Mal hier in dieser Ecke war, waren wir frisch zusammen und ich noch nicht schwanger. Und als ich in diesem einen Winter lange krank war, liefen wir den Spessartring an einem Sonntag hoch, liefen zur Rosenhöhe und auf dem Rückweg tankten wir im Café Gretchen wieder auf. Das war auch mein eigentliches Ziel dieses Nachmittags. Manchmal geraten nette Cafés in Vergessenheit, weil wir nicht gerade "um die Ecke" sind. Und da mein Freund nicht mehr in Darmstadt lebt, sind wir meistens in einem anderen Stadtteil. Nachdem wir uns mit dem Kinderwagen ein wenig durch die enge Eingangstür quetschen müssen, finden wir ein gemütliches Plätzchen. Ich esse ein leckeres, sehr großes Stück Rüblikuchen, das herrlich nach Nuss und Rüben schmeckt. Und ich habe einen Moment ganz für mich. Anton schläft im Wagen, weil er gesundheitlich nicht fit ist, und ich genieße diese Zeit sehr. Ein Blick in die aktuelle Ausgabe der Couch (danke Lisa!) und ein bisschen Lauschen bei den Nachbarsdamen, die sich über Speeddating unterhalten. Wir bleiben eine Stunde dort, es wird nun richtig dunkel. Ja, der Frühwinter ist da. Den kann man nicht mehr verdängen. Wir verlassen also das blümchengemustertetapeten Café und laufen den Ring runter. Wir entdecken einen Spielplatz, der einen Bereich für größere und einen Bereich für kleinere Kinder hat. Das finde ich großartig. Und mache schnell ein paar Fotos, um mir diesen Ort zu merken. Viel zu wenige Spielplätze haben Babyschaukeln und ordentliche Kleinkindrutschen. Und wie wär's mal, die Parkbänke ein wenig näher an den Sandkastenrand zu stellen? Naja, wir laufen weiter und biegen rechts in die Liebfrauenstraße ein.


Hier werde ich noch ein wenig sentimentaler. Mein Freund wohnte in dieser Straße in einem wunderschönen Altbauhaus. Ich habe es gliebt, hieherzu kommen, mich so wohl zu wühlen und von meiner Base aus die Stadt kennenzulernen. Wir sind nämlich im hippsten und schönsten Viertel Darmstadts - im Martinsviertel. Es gibt fast nur Gründerzeithäuser mit tollen Innenhöfen oder -gärten. Es ist schon sehr dunkel, aber ich liebe es, in die beleuchteten Innenräume zu blicken. Und gerade in den vielen Designbüros brennen noch die Lichter. Vor manchen Fenstern halte ich sogar kurz inne, schaue mir ihre Einrichtung an. Ja, hier gibt es wirklich ein bestimmtes Lebensgefühl. Eigenartig, dass Darmstadt einem so etwas bietet. Ich hätte das nie vermutet. Wir laufen ein paar Straßen kreuz und quer, einfach, weil ich mich so gerne an "früher" erinnere und danach laufen wir zielbewusst zur Liebfrauenstraße. Links eine Änderungsschneiderei. Ich bleibe kurz stehen, weil mich die vielen Garnrollen an der Wand so faszinieren. Und gleich werde ich von dem Besitzer freundlich angesprochen. Eine Hausnummer weiter ein Beautysalon, den ich mir jedes Mal ansehe. Vielleicht sollte ich mir einfach mal dort einen Temrin geben lassen? (Das wäre doch mal die Geschenkidee für Weihnachten!) Zwei, drei Hausnummern weiter dann das Lejla. Hier war ich schon ewig nicht mehr und dabei ist es doch so besonders. Dieses Geschäft ist ein Second Hand Laden mit hochwertigen und preiswerten Kleidungsstücken, mit sehr vielen Ledertaschen, ausgesuchten, neuwertigen Artikeln und ein paar Kindersachen. Als ich schwanger war, kaufte ich dort eine Jeans für Anton und kam mit der Besitzerin ins Gespräch. Sie und ihre Mann führen diesen Laden mit so viel Liebe, das kommt direkt rüber. Die "Kinderabteilung" ist nicht sehr groß, aber die einzelnen Teile waren sehr günstig. Stöbern kann man ja immer.


Anton macht nicht mehr mit, er hat Hunger und ich könnte mich in den vielen Second Hand Teilen verlieren (ein grauer Egg-shaped Cos Mantel für 70 Euro), deshalb gehen wir weiter. Am Friedrich-Ebert-Platz finden wir wieder einen großen Spielplatz. Nur ist uns heute nicht nach Spielplatz. Wir befinden uns nun in der Schuhknechtstraße. Dort, wo sich letztens noch ein Kindersecond Hand Laden befand, ist nun ein neuer Kindersachenladen mit ausgewählten Second Hand Stücken drin. Mir gefällt es hier. Wie eine kleine Boutique, nur dass man sich nicht peinlich berührt fühlt, wenn man ohne Einkauf wieder raus geht. Ein Raum, der mit einer Fensterfront versehen ist. Nur wenige Schritte weiter sitzen einige Leute bei diesem Wetter noch draußen im Bistro Carpe Diem. Ich weiß nicht, was dieses Café an sich hat, aber es umgibt eine kultige Aura. Eigentlich sieht es gar nicht so einladend aus, aber hier entscheidet wohl die Lage. Oder ist teste einfach mal das Angebot. Gegenüber erkenne ich das Schwarz-Weiß-Café wieder. Wir waren hier einmal frühstücken, im Sommer, schon lange her. Draußen bei gutem Wetter ist dieser Platz ein toller Ort. Man findet hier auch noch einen Einrichtungsladen mit dem Namen Grüner Salon. Etwas kitschig, etwas zu viel Pünktchen und Schleifchen, aber dennoch wird man hier fündig.
Mir ist irgendwie ganz warm ums Herz. Hach, ich mag Darmstadt einfach. Und ich könnte mir tatsächlich vostellen, hier zu wohnen. Aber dann bitte in einer schönen Altbauwohnung, mit Garten versteht sich, und mit dem ganzen Mainzer Umfeld inklusive Uni.




Wir sind jetzt am Eingangstor zum Herrngarten. Auch hier habe ich nur schöne Erinnerungen. Es gibt einen kleinen Weiher mit vielen Enten, einen Aktivspielplatz, links die Hochschule, im Sommer sind die Wiesen voller Studenten. Wir kommen am Prinz-Georg-Garten vorbei, einen Lustgarten. Und dann das Hessische Landesmuseum (ich erinnert euch vielleicht an meinen Bericht). Wir haben zu wenig Zeit, um den ausgestopften Tieren und den Ritterrüstungen einen Besuch abzustatten, aber bald! Die aktuelle Ausstellung über Karl den Großen interessiert mich. Ganz nah am Museum im Herrngarten gibt es einen wirklich schönen Spielplatz für kleine und große Kinder. Anton und ich haben dort vor ein paar Wochen eine tolle Stunde erlebt. Jetzt ist aber alles dunkel und wir ziehen weiter. Wir gehen über die Schleiermacherstraße und die Zeughausstraße zur Luisenstraße, die zum Luisenplatz führt. Hier ist es nicht besonders schön. Es sind Verbindungsstraßen zur Innenstadt. Doch auch hier arbeitet jemand fleißig im Licht und ich bleibe stehen, um mir das genauer anzusehen. Und dann ein paar Schritte weiter sieht man ein mit Bäumen bewachsenes Haus, die Galerie Netuschil. Ein grünes Haus. Ich mag es sehr. Ich bleibe an der Garage stehen, weil ich interessante Formen finde. Meine Handykamera macht einfach keine guten Fotos im Dunkeln und ich beschließe, bald mit der Spiegelreflexkamera zu kommen und zu fotografieren. Nun sind wir also wieder am Luisenplatz - Dreh-und Agelpunkt der Innenstadt. Der Weihnachtsmarkt ist schon eröffnet und wir schauen einer Mini-Eisenbahn dabei zu, wie sie ihre Runden dreht. Anton ist völlig fasziniert. Bestimmt möchte er auch bald darin sitzen. Auf dem Platz warten wir auf meinen Freund, der von der Arbeit kommt, und fahren gemeinsam mit dem Zug nach Hause.





Kommentare:

  1. Oh Betti, es ist so unfassbar spannend meine Heimatstadt aus deinen Augen wieder zu entdecken! Vielen Dank für diesen tollen Post - hat total Spaß gemacht, das zu lesen! Und ins Staatstheater solltet ihr definitiv auch mal reinschauen, das ist innen genauso schön (schlicht) wie von außen, und das Ensemble ist nicht zu verachten - ich biete mich gerne als Babysitter an... ;)

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    1. Danke, Lisa! Und vielleicht komme ich irgendwann mal auf das Babysitten-Angebot zurück ;-) Ins Theater möchte ich sowieso so gerne wieder - war schon viel zu lange nicht mehr.

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  2. Das macht ja richtig Lust auf Darmstadt! Scheinbar gehört es zu den völlig unterschätzen Städten!
    Schade, dass wir hier in Hamburg so weit weg sind. Aber wenn sich mal die Gelegenheit ergibt, werde ich deine Tipps als Reiseführer nutzen!
    Liebe Grüße,
    Nina

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    1. Darmstadt wird definitiv unterschätzt, aber mit Hamburg kann es bei Weitem nicht mithalten!
      Solltest du dennoch irgendwann mal in der Gegend sein, melde dich - Mainz und Wiesbaden und Frankfurt sind auch ganz toll :)

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