27.04.2015

was sich mit dem Mama-Sein änderte


In der Schwangerschaft hatte ich kaum eine Vorstellung davon, wie ich als Mutter sein würde. Der Gedanke war viel zu abstrakt für mich. Ich und Mutter?! Mit jeder Woche gewöhnte ich mich mehr und mehr an den Gedanken, hatte dann doch sehr früh erste "Muttergefühle" und wartete einfach, was auf mich zukäme.

Knapp achtzehn Monate später tobe ich mit einem kleinen Menschen und staune immer wieder, wie sehr ich doch eine Mama bin. Ich liebe diesen Part meiner Identität (auch wenn es mich manchmal wahnsinnig macht) und bin sehr dankbar, dass ich es überhaupt erlebe, Mutter zu sein. Vor allein eines so lustigen, aufmerksamen und coolen Kindes.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr solch eine Aufgabe den Menschen prägt. Das Muttersein hat meine Welt verändert, die Sicht auf die Welt und auch auf mich selbst. Die Geburt von Anton war in der Tat das einschneidendste Erlebnis meines Lebens. Welche kleinen und große Dinge haben sich also verändert?!


... Ich trage wieder Jeans. Vor der Schwangerschaft trug ich fast nur Röcke und Kleider. Ich hatte zwar ein paar Jeans, doch die lagen die meiste Zeit über im Schrank. Weil viele Kleider nicht stilltauglich sind, zog ich immer häufiger erst eine neu gekaufte Jeans und dann auch wieder meine alten Jeans an und fühlte mich damit wohler. Mittlerweile ist es sehr praktisch, wenn man auf dem Spielplatz tobt, das Kind hoch hebt oder ihm schnell hinterher rennen muss.

... Ich bin richtig schusselig geworden. Ich kann mich noch genau erinnern, wann es anfing. In der Schwangerschaft, in Paris im Urlaub, da stellte ich einen Bialetti-Espressokocher mit Plastikunterbau auf die heiße Herdplatte gestellt. Seitdem verpeile ich ständig irgendetwas. Dabei kann ich das nicht mal mehr auf die Stilldemenz schieben. Ich kann kaum fassen, wie viele Gläser schon zu Bruch gegangen sind, wie oft ich Termine doppelt verplant und Geburtstage vergessen habe.

... Ich verstehe meine Eltern viel besser. Ich verstehe zu großen Teilen ihren Erziehungsstil, verstehe ihre Sorgen und Gedanken.

... Auch ich mache mir ständig Gedanken. Und die Erkenntnis, dass sich alles wiederholt. Ja, jetzt bin ich in der gleichen Situation wie meine Eltern damals, mache mir Gedanken, Sorgen und hinterfrage unseren Erziehungsstil.

... Ich spüre die Verantwortung. Das ist nicht immer eine leichte Aufgabe. Wir müssen Anton nicht nur füttern, wickeln und beschützen, sondern zu Beginn auch für ihn mitdenken und ihm einiges beibringen: die Sprache, Liebe und Respekt, manche Verhaltensregeln usw. Wir dürfen ihn begleiten, ihm manchmal helfen und ihn wachsen sehen. Immer bleibt die Verantwortung. Das, was das Privileg der Eltern ist, ist gleichzeitig auch eine ziemlich Herausforderung. Dieser kleine Mensch ist nämlich ganz von dir/euch abhängig. Am heftigsten habe ich das bei unseren kurzen Krankenhausaufenthalten erfahren. Ich habe gelernt, für unsere Rechte einzutreten, für meinen Sohn Dinge zu fordern. Wie eine Löwin für ihr Junges.

... Ich komme an meine Grenzen - und überschreite sie manchmal. Im positiven Sinn. Weil ich über mich hinauswachse. Eben diese Rechte einfordern. Oder mich zurückstellen zu können, weniger Selbstzentriertheit, sich um ein Kind kümmern. Aber ja, ich komme auch an meine Grenzen, wenn Anton tagelang knatschig ist, nichts essen möchte, anhänglich ist und ich wichtige Aufgaben vor mir liegen habe. Auch das sind Grenzen, an die ich komme und hoffentlich nicht überschreite.

.... Ich schlafe besser. Das begann im ersten Trimester der Schwangerschaft und hört hoffentlich niemals auf. In den ersten Wochen war ich so müde, dass ich im Sitzen mit dem Buch auf dem Schoß beim Lernen für's Abi einschlief. Am helllichten Tag. Glücklicherweise ist die andauernde Müdigkeit weg und der tiefe Schlaf geblieben. Ich bin in den meisten Fällen in fünf Minuten eingeschlafen.

... Ich mag Feiertage. Früher waren Feiertage eher ein lästiges Übel und ich hätte die Tage gerne geskippt. Jetzt liebe ich es! Weil man seinem Kind Bräuche und Rituale näher bringen kann.

... Die Blütenpollenallergie ist erträglich. Vor der Schwangerschaft hatte ich von April bis Juni rote, verklebte Augen, einen asthmatischen Husten und eine laufende, sehr rote Nase. Ich weiß nicht, an wie vielen Tagen ich schon krankgeschrieben wurde, weil ich trotz starken Arzneimitteln völlig fertig war. Nun ist es mit allen Hilfsmittelchen erträglich.

... Mein Fuß ist doch tatsächlich eine halbe Größe größer geblieben.

... Ich bin Eltern und Kindern gegenüber toleranter geworden. Denn JEDER hat seine Gründe, warum er manche Dinge so macht wie er macht und ich habe da gar nichts reinzureden. Wichtig ist mir nur, dass Menschen reflektiert handeln, dass sie darüber nachgedacht haben und aus ihren persönlichen Gründen so handeln wie sie handeln.

... Tränchen bei emotionalen Geschichten. Dass die Tränen kullern, sobald ich eine Geburtsgeschichte lese oder Hebammenberichte sehe, ist ja beinahe selbstredend. Aber auch bei Liebesfilmen, Dokus und Nachrichten können Tränchen fließen. Zum Beispiel bei Geschichten über sich wieder findende Paare, die aufgrund widriger Umstände getrennt wurden, bei einem Flugzeugabsturz, bei kleinen Mädchen, die etwas Lustiges sagen. Irgendwie ist bei allem, was ich sehe (und auch oft beim Lesen) das Wissen da, dass es bei uns auch so sein könnte. Und die gefühlsduselige Musik tut ihr Übriges.

... Ich kann nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Das konnte ich früher auch nicht. Doch nun ist es schon so, dass das Timing stimmen muss, eventuell eine Betreuung organisiert wird und dass wir nur in den seltensten Fällen wirklich zwei Veranstaltungen an einem Tag besuchen. Manchmal macht mich das ganz kirre, wenn ich sehe, dass ich wieder eine Ausstellung/seröffnung verpasst habe. Hach, war das einfach, als man sich nur um sich selbst kümmerte und man dorthin ging, wo man hinwollte! Nun sind die Termine etwas ausgewählter und mit bester Begleitung.

... Ich muss Prioritäten setzen. Das kann ich gut und konnte ich schon immer gut. Nun sind die Prioritäten nur nicht ganz meine eigenen, sondern die der Familie.

... Ich weiß, wie tief Liebe sein kann. Und wie anders im Gegensatz zur Liebe zum Partner. Noch bedingungsloser. Noch selbstloser. So, dass sie einen umhaut. Diese Liebe ist eines der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens.


Es gibt natürlich noch viele andere Veränderungen: Ich war noch nie so glücklich und so fertig, ich bin müde, organisiert und kompromissloser.

Ich finde es sehr spannend, wenn mir Frauen erzählen, dass sie ihr Leben trotz Kind "weiterleben" wollen. (Hier kann natürlich diskutiert werden, was dieses trotz bedeuten mag.) Mittlerweile sehe ich, dass es schon ein Leben "davor" und ein Leben "danach" gibt. Aber diese Begriffe sind nicht negativ konnotiert, sondern könnten gleichermaßen auf jede andere große Veränderung im Leben angewandt werden. "Bevor ich studierte, hatte ich viel Freizeit. Seit dem Studienbeginn gehen meine Abende für's Lernen drauf." Das gleiche gilt auch bei Umzügen, einem Ende einer Beziehung, Verliebtsein, neuen Freundschaften usw. Das Leben ändert sich ständig. Mit der Geburt des Kindes wird uns dieser Umstand einfach nur sehr deutlich vor Augen geführt. Man befindet sich zunächst in einem Ausnahmezustand und erst nach und nach kehren wieder Routinen und Alltäglichkeiten ein. Nach knapp achtzehn Monaten merke ich, wie viele "Freiheiten" ich wieder habe. Vieles aus meiner kinderfreien Zeit möchte ich einfach auch nicht wieder haben. Weil die Zeiten vorbei sind, weil es mich nicht mehr interessiert oder weil es einfach nicht so gut war. Ich merke sehr stark, dass mich das Mutter-Sein prägt und dass sich dadurch Kleinigkeiten und große Dinge verändert haben.

Wie seht ihr das? Könnt ihr mir zustimmen, dass ihr euch verändert habt? Oder seid ihr da gar nicht meiner Meinung?

Kommentare:

  1. Sehr schöne Zusammenfassung und tolle Gedanken! ich von meiner Seite kann auch sagen, dass du trotz des (oder besser mit dem?) Kindes du selbst geblieben bist. Ich finde es bewundernswert wie du die Rolle der liebenden und fürsorglichen Mutter mit deinen Zielen und Träumen kombinierst und Projekte durchziehst obwohl es oft schwierig ist.

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    1. Meine Liebe, ich danke dir für diese Worte. Mir wird ganz warm um's Herz :*

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