17.08.2015

CampusMum: Aneli


In der Reihe CampusMum stelle ich euch Frauen vor, die neben Kind und Kegel noch ein Studium meistern. Ich frage sie nach ihrem wie, was und warum.


Ich freue mich ja immer wieder auf's Neue, wenn ich euch in der Mitte des Monats eine neue CampusMum vorstellen darf! Meistens stehe ich mit den Frauen seit ein paar Wochen in Kontakt, um das Interview vorzubereiten und lerne sie damit ein Stück weit näher kennen, als ich sie bisher gekannt habe. Und mit jeder studierenden Mutter bekomme ich selbst so viel neuen Input. Deshalb freue ich mich auch dieses Mal wahnsinnig, euch wieder mit einer tollen Frau bekannt zu machen!

Aneli ist also eine dieser Granaten, die studiert und gleichzeitig Mutter ist. Von zwei Kindern. Sie ist 28 Jahre alt und lebt mit ihrem Freund und ihren zwei Söhnen, Oskar (3 Jahre) und Bjarne (fast 6 Monate), in Berlin. Wenn sie mal nicht lernt, näht sie gerne oder liest. Und sie reist, auch mit den Kindern. So waren sie unter anderem schon gemeinsam Backpacken oder Inselhoppen auf den Kanaren. Glücklicherweise hat sie auch ihre Familie auf dem Land, wo sie gerne auch ihre freien Tage verbringt.

Anelie beim Lernen, als Oskar cirka 9 Monate alt war


Liebe Aneli, wie schön, dass du beim Interview mitmachst. Das freut mich sehr, dass du dir die Zeit für uns nimmst. Erzähl’ uns doch bitte, welche Fächer du studierst und in welcher Hochschule du eingeschrieben bist.

Ich freue mich auch mitzumachen. Ich studiere  an der Humboldt Uni in Berlin Wirtschaftspädagogik und Englisch, also Lehramt für Berufsschulen und Gymnasien in Berlin und Brandenburg. Davor habe ich bereits einen Bachelor in Amerikanistik und Publizistik gemacht. Ich weiß ehrlich gesagt schon gar nicht mehr, in welchem Semester ich gerade bin; und mittlerweile studiere ich auch in Teilzeit, das ist an der Humboldt Uni relativ unkompliziert möglich.


Du hattest gerade die Zulassung für ein Zweitstudium entschieden, als du zum ersten Mal schwanger wurdest. Wie ging es dir denn mit dieser Entdeckung?

Ich hatte mich für ein zweites Studium entschieden, weil die Arbeitsbedingungen in meiner damaligen Arbeit (Fernsehproduktion bzw. Medien allgemein) in Berlin nicht wirklich kompatibel damit waren, wie ich mir mein Leben zukünftig vorstellte. Als ich das meinen Eltern beichtete, meinte meine Mutter, die selbst Lehrerin ist, nur: Aber warte mit dem Kinderkriegen nicht bis nach dem Studium. Sie wollte wohl auch ein Enkelkind, nachdem ihre beiden älteren Schwestern bereits Oma waren. Geplant war Oskar dann letztendlich doch nicht gewesen und es war schon erstmal komisch. Eine sehr gute Freundin hatte gerade ein Kind bekommen, aber sie lebt in einer anderen Stadt und deswegen war ich die allererste weit und breit in unserem Freundeskreis, die mit dickem Bauch durch die Gegend watschelte. Auch an der Uni kannte ich zuerst ja niemanden in meiner Situation und ich fühlte mich ein bisschen wie Juno auf dem Schulflur. Trotzdem sah ich die ganze Geschichte zu dem Zeitpunkt immer noch extrem positiv. Ich hatte keinerlei Beschwerden in dieser Schwangerschaft, arbeitete noch nebenbei 20 Stunden in der Woche und der Babybauch lief einfach so ein bisschen mit. 



Und wie sah dann die erste Zeit mit Oskar und Studium aus? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Hast du ein Urlaubssemester genommen?

Ich bin super blauäugig an das Muttersein herangegangen und habe mich ehrlich gesagt auch kaum damit beschäftigt, das Studium war erstmal wichtiger. Ein paar Babysachen hatte ich von meinen Cousinen und der Freundin eingesammelt und dann war das Thema für mich gegessen. Oskar kam Ende Mai, also mitten im Semester und ich packte meinen Stundenplan zwar nicht mehr ganz so voll, war aber überzeugt, mindestens die Hälfte des erwarteten Pensums zu schaffen. Als ich dann zwei Wochen vor dem Geburtstermin in meinem auf-den-letzten-Drücker-Geburtsvorbereitungskurs zum ersten Mal von der Wochenbettzeit hörte, war ich überrascht. Die wurde aber gar nicht so intensiv thematisiert, es ging eher um die Geburt an sich, weswegen ich bis Oskar da war eigentlich nicht den Ernst der Lage erkannte. Danach war ich dann erstmal komplett geschockt. Oskar war ein großes Baby, die Geburt war sehr anstrengend und das Stillen musste sich erstmal einpendeln (auch das hatte mir niemand erzählt). Am Ende hatte ich dann in diesem Semester gar nichts mehr geschafft.

Im Oktober, also als Oskar etwa fünf Monate alt war, nahm mein Freund Elternzeit. Er hatte damals selbst relativ frisch eine berufsbegleitende Ausbildung angefangen, ging also an zwei Tagen in der Woche zur Schule, die anderen war er zu Hause und ich in der Uni. Ich schaffte natürlich immer noch weniger als ein Vollzeitstudent, aber es ging gut. Mit neun Monaten kam Oskar dann in den Kindergarten. Das klappte von Anfang an super und so pendelte sich das mit der Uni auch langsam wieder ein. Trotzdem schaffte ich nie das erwartete Pensum, was auch daran lag, dass mein Studium, besonders der wirtschaftswissenschaftliche Teil, sehr fordernd und anspruchsvoll ist. Im Gegensatz zu meinem ersten Studium musste ich nun wirklich etwas tun und hatte noch ein Kind und später auch noch einen Hiwi-Job an der Uni. Und die Prioritäten hatten sich natürlich verschoben. Jetzt war die Uni eher Nebensache, Oskar spielte immer erste Geige und wenn er mal krank war, bin ich als Studentin meistens zu Hause geblieben, während mein Freund arbeiten gegangen ist. 


Mitten im Studium ist auch euer zweites Kind Bjarne zur Welt gekommen. Magst du erzählen, ob das eine bewusste Entscheidung war? Wie ging es dir damit - absolute Panik oder entspannte Freude?

Dieses Mal schon eher Panik. Es war zwar schon irgendwie klar, dass es nicht bei einem Kind bleiben würde, aber eigentlich wollte ich doch zumindest erstmal den Bachelor fertig bekommen, ich wusste ja jetzt doch, wie anstrengend Kind und Studium sein können. Und ich bin auch kein Fan von zu kleinen Altersabständen. Na ja, aber dann war es irgendwie doch passiert und wir haben uns neben dem leichten Unwohlsein natürlich auch sehr gefreut. 


Das kann ich mir sehr gut vorstellen! Bjarne ist nun vier Monate alt. Machst du gerade ein Urlaubssemester oder hast du direkt weiter studiert? Welche Studienleistungen musstest du beispielsweise im letzten Semester erbringen?

Ich habe in der Schwangerschaft die letzten nötigen Kurse mit Anwesenheitspflicht besucht. Weil diese Schwangerschaft aber extrem anstrengend war, habe ich nur eine einzige Prüfung im Wintersemester geschrieben. Jetzt im Sommersemester auch. Zum zweiten Prüfungstermin möchte ich dann noch einmal zwei schreiben, wenn ich es schaffe. Aber ich mache mir da jetzt nicht mehr so viel Stress. Ein Kind läuft mit dem Standardmaß an Organisation noch immer ganz gut nebenbei und wir haben eigentlich gar nicht so viele Einschnitte machen müssen, auch was das Sozialleben angeht. Aber mit zwei Kindern ist man dann doch irgendwie Vollzeitfamilie, einer schreit immer. Deswegen warte ich erstmal ab, bis mein Freund ab Oktober Elternzeit hat. Dann ist Bjarne auch ein halbes Jahr alt und hoffentlich ein etwas besserer Schläfer; und dann nehme ich die letzten Prüfungen für den Bachelor im Wintersemester in Angriff. 


Wie ist die Betreuung für die Jungs organisiert? Welche Rolle spielt dabei dein Freund?

Oskar geht in den Kindergarten, gerne und ganztags und Bjarne wurde bisher ausschließlich von mir betreut, ich stille voll und abpumpen klappt irgendwie nicht so. Mein Freund arbeitet im Schichtdienst, auch am Wochenende. Das ist nicht gerade familienfreundlich, aber zur Entlastung der Situation macht er zum Beispiel einen Großteil des Haushalts, wenn er dann unter der Woche mal vormittags zu Hause ist. So muss ich das zum Beispiel nicht noch abends machen und kann dann die Zeit für mich nutzen. Tagsüber verbringen wir dann eigentlich immer Zeit mit den Kindern und am Besten ist es, wenn der Papa Frühdienst hat, dann gehört der Nachmittag nämlich der Familie. Außerdem wohnt meine Schwester in Berlin und meine Eltern auch nicht so weit weg, die lassen sich auch gerne mal einspannen, wenn es zeitlich passt.


Beschreib uns doch euren Alltag. Wann findest du die Zeit zum Lernen oder Vorbereiten?

Da die Arbeitsschichten von meinem Freund jeden Monat neu und nicht nach einem bestimmten Muster verteilt werden, ist der Familienplaner Herzstück unseres Alltags. Früher war ich ein extrem spontaner Mensch, mittlerweile kriege ich Stresszustände, wenn Unvorhergesehenes passiert. Das ist dann leider aber trotzdem noch oft der Fall und so passiert Uni vorwiegend auf den letzten Drücker. Oder ich muss etwas schwänzen, um Anderes vorzubereiten. Den Großteil der Prüfungen schreibe ich deswegen auch zum zweiten Termin, also zu Beginn des neuen Semesters, nachdem ich die Semesterferien zum Lernen genutzt habe. Aber am Ende des Semesters mit der Seminarvorbereitung und Referaten, fühle ich mich meist nicht sonderlich gut vorbereitet. 


Und wie schaffst du dir „me-time“ bzw. was bedeutet freie Zeit für dich?

Zu wenig. Ich habe oft das Gefühl, ich werde nie fertig und komme nie wirklich zum Abschalten. Das belastet mich schon ein wenig. Also, nicht die Beziehung zu meinen Kindern, aber die zum Studium. Hoffentlich wird das im Master, der mich auch inhaltlich mehr interessiert, besser. Also, ich nehme mir abends schon mal die Zeit, Dinge zu tun, die mir auch Spaß machen, aber ein bisschen klopft dann ja doch immer wieder das schlechte Gewissen an. 


Das ist verständlich, aber gleichzeitig ist die freie Zeit, auch wenn es mal nur eine halbe Stunde ist, in der man abschalten kann, so wichtig - ich glaube, alle haben was davon! :) Kommen wir zum lieben Geld. Die Frage der Finanzierung treibt ja viele Studenten um. Kannst du uns ganz grob erklären, wie ihr euch finanziert?

Mein Freund arbeitet im sozialen Bereich, eine Familie kann man davon also auch nicht ernähren. Vor dem zweiten Kind habe ich auch immer ein bisschen gearbeitet, Wohngeld bekommen und mir zum Beispiel die Gebühren für das Semesterticket rückerstatten lassen. Immer so Schlupflöcher halt. Aber jetzt, mit zwei Kindern, bin ich nur noch als Teilzeitstudentin eingeschrieben und wir stocken mit ALGII auf. Das ist für mich aber keine dauerhafte Lösung, das ganze Hin und Her mit dem Jobcenter schlägt auch auf's Gemüt. Ich finde ein bisschen Einsatz auch gerechtfertigt, man bekommt ja quasi Geld ohne viel dafür zu tun, aber insgesamt sind die Strukturen und das "Wie" echt anstrengend. Also, sobald Bjarne etwas größer ist, möchte ich ich auch wieder arbeiten gehen.



Du hast Recht. Es kann so anstrengend sein, ständig für seine Rechte einstehen zu müssen und das Geld einzufordern, das einem in so einer Situation auch zusteht. Ich komme noch einmal auf die Uni zurück. Welche Erfahrungen hast du an deiner Universität in der Rolle als Mutter gemacht? Hattest du z. B. schon einmal Probleme, eine Frist aufgrund von Krankheiten bei den Kindern einzuhalten oder an manchen Veranstaltungen nicht teilnehmen zu können?

Ich muss sagen, dass ich sehr viele, sehr positive Erfahrungen gemacht habe. An meiner Uni ist man Eltern gegenüber extrem zuvorkommend und verständnisvoll. Früher fand ich das immer ein bisschen albern irgendwie, aber mittlerweile bin ich extrem dankbar dafür und muss zugeben, dass ich das auch schamlos ausnutze, also Prüfungen schiebe oder im letzten Moment absage, wenn nötig. 

Vereinzelt, also mit einzelnen Dozenten, habe ich auch schon schlechte Erfahrungen gemacht, bis hin zur Dreistigkeit. Aber da muss ich sagen, dass diese Menschen dann schon generell irgendwie sexistisch waren oder einfach ein Problem mit Empathie hatten, besonders Frauen gegenüber. Das scheint leider in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern immer noch häufiger der Fall zu sein. Aber insgesamt hat man es an der Uni doch noch besser als im Arbeitsleben, glaube ich. Besonders in der Erziehungswissenschaft sind sowohl Mitarbeiter als auch Kommilitonen Kindern gegenüber ja eher offen und freundlich eingestellt, und dieses Interesse spiegelt sich dann auch wieder in der Kinderquote wieder. Mittlerweile habe ich nämlich das Gefühl, ich kenne Hunderte studierende Eltern. 


Im Laufe des letzten Jahres habe ich mit den CampusMum Interviews auch das Gefühl gewonnen, dass es relativ viele Lehramtsstudierenden Eltern gibt. Es ist gut, dass vor allem in diesen Studiengängen eine gewisse Familienfreundlichkeit herrscht. (Wobei ich mit meinen Instituten auch nicht klagen kann.) 
Wie wird denn voraussichtlich das nächste Semester aussehen?

Wenn alles klappt, schreibe ich die letzten Prüfungen für den Bachelor und vielleicht auch die Bachelorarbeit. 


Ich bin ich sehr gespannt, was du als Expertin mit zwei Kindern auf die nächste Frage antworten wirst! Empfindest du das Studium als einen guten Zeitpunkt, um ein oder mehrere Kinder zu bekommen? 

Es kommt auf den Studiengang an. Ich habe ja auch Geistes- und Sozialwissenschaften studiert, das ist mir leicht gefallen, die Strukturen sind oft sehr familienorientiert und wenig sexistisch. Mein derzeitiges Hauptfach ist aber sehr anspruchsvoll, sowohl von den objektiven Anforderungen her als aber auch von dem, was ich persönlich als Einsatz leisten muss. Trotzdem denke ich, dass es an der Uni immer noch mehr Freiheiten gibt als im Arbeitsleben, wenn man ein gewisses Organisationstalent hat und eine nicht zu große Neigung hat, Dinge aufzuschieben. Hm, also eine sehr typenabhängige Entscheidung, das kann man nicht pauschalisieren. Für mich selbst einer der unschlagbarsten Argumente für Kinder im Studium ist ja das Alter. Ich finde es großartig jung Kinder zu bekommen und fühle mich in dieser Entscheidung mit jedem zusätzlichen Lebensjahr und Kind mehr und mehr bestätigt. Da geht es mir wie mit Alkohol, den vertrage ich auch immer schlechter. 


Gibt es etwas, dass eure Uni verändern könnte oder generell Unis verändern könnten, damit es Studierende mit Kindern leichter haben?

Die HU hat schon ziemlich viel gemacht. Gut finde ich, dass es jetzt mehr und mehr Vorlesungen gibt, die im Onlinestream laufen, oder, noch besser, als Podcast angehört werden können. Das kann gerne noch ausgebaut werden, weil es ja doch immer noch einige Veranstaltungen gibt, die verpflichtend sind, aber trotzdem nur zu unmöglichen Zeiten angeboten werden. Oder man einfach so mal nicht hingehen kann, Gründe dafür liefern Kinder ja zu genüge...


Ich habe wirklich sehr großen Respekt vor allen, die überhaupt zwei Kinder haben und den Alltag meistern und noch viel mehr vor Frauen wie dich, die gleichzeitig noch arbeiten oder studieren. Gibt es ein Geheimnis? 


Wenn, dann muss ich es auch noch herausfinden :). Es ist wirklich so, dass man einfach mit seinen Aufgaben wächst. Was man wirklich lernt, also nicht nur weiß, sondern voll und ganz verinnerlicht, und das finde ich auch am Besten am Kinder haben allgemein, also auch schon mit nur einem Kind, ist wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Man muss nicht immer überall die besten Noten schreiben. Es bringt viel mehr, sich auf seine Stärken zu konzentrieren und selbst wenn das dann auch mal schief läuft. Die Beziehung, die ich mit anderen Menschen habe, sind noch einmal viel wertvoller als Uni, Arbeit oder sogar irgendwelche Konsumgüter. Das weiß man natürlich auch ohne Kinder, aber sie halten einem das noch einmal viel deutlicher vor Augen. Und wenn man dieses Andere dann nicht so überaus ernst nimmt, bekommt man das auch ganz gut gemeistert. Rede ich mir zumindest ein. Oder es hat halt nicht den Stellenwert, den die Familie hat und man ist dann doch zufrieden damit, wie es ist, selbst wenn es nicht total perfekt ist. 



Liebe Aneli, ich danke dir so sehr für deine Antworten und dass du uns davon berichtet hast, wie dein Studium mit eurem Familienleben funktioniert. Ich wünsche dir eine nicht zu stressige Lernphase für die letzten Prüfungen und dann viel Konzentration und gutes Gelingen für die Bachelor-Arbeit.


Aneli findet ihr übrigens auch auf Instagram unter dem Namen frl.bollmann.




Alle bisherigen Interviews der Reihe CampusMum findet ihr hier. Und hier kommt ihr zu allen Artikeln, die sich mit dem Thema Studieren mit Kind beschäftigen.



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