28.09.2015

Buchtipp: Vive la famille von Annika Joeres


Dass ich Frankreich liebe, ist kein Geheimnis. Dass ich mich also nicht nur für französische Essegwohnheiten, Mode und Architektur interessiere, sondern auch für die Erziehungsmethoden der französischen Nachbarn liegt auf der Hand.

In der Schwangerschaft las ich bereits das Buch Warum französische Kinder keine Nervensägen sind von Pamela Druckerman (meine Rezension könnt ihr hier nachlesen) und folgte aufmerksam allen Berichten und Rezensionen, die daraufhin erschienen sind. Schon damals war mir klar, dass ich niemals in Gänze die französische Erziehung gut heißen kann, aber dass ich manche Aspekte sehr spannend und anwendbar finde. Wie toll ist denn bitte der Gedanke eines cadre, eines Rahmens, das die Eltern vorgeben, in dessen Grenzen sich aber das Kind frei entwickeln darf? 

Ich war also sehr angefixt von dem Buchcover von Vive la famille von Annika Joeres, als ich das Buch in den Händen einer hochschwangeren Frau im Bus sah. Als deutsche Schriftstellerin in Frankreich lebend hatte sie bestimmt schon viele interessante Situationen erlebt, in denen sie die französische mit der deutschen Erziehung vergleichen konnte.

Natürlich kann man Erziehung auch nicht pauschalisieren. Ich bin zwar in Deutschland aufgewachsen, habe aber aufgrund meiner gläubigen Eltern einen ganz anderen Zugang zur Welt erfahren, als Kinder mit nicht gläubigen Eltern, nicht christlichen Eltern, mit Kindern aus der Stadt (ich das Dorfkind) oder mit Kindern aus einem anderen Bundesland.


Joeres interessiert sich vor allem für folgende Fragen: Wie kommt es, dass französische Frauen viel selbstbewusster wieder früh arbeiten gehen? Warum sind französische Eltern und ihre Kinder so gelassen? Und warum ist die Geburtenrate in Deutschland so katastrophal?

Und sie gibt auch viele Antworten. Hauptsächlich in persönlichen Erfahrungsberichten und durch Erzählungen aus ihrem französischen Umfeld analysiert sie vor allem die guten Seiten der typisch französischen Erziehung und vergleicht sie hauptsächlich mit den negativen Erziehungsmethoden der Deutschen. So zeichnet sie ein ziemlich düsteres Bild für unser Land. 

Und was machen also die Franzosen so besonders gut?

Das Vorbild der Franzosen mache Lust auf Nachwuchs. "Frühe Eltern führen zu frühen Eltern" und so gehen Franzosen viel lockerer mit dem Kinderkriegen um. Die Deutschen trauen sich einfach immer seltener Kinder zu. Sie warten auf den perfekten Partner, der möglichst den selben Bildungsstand haben sollte, der die gleichen Interessen hat und finanziell abgesichert ist. Die Franzosen fragen sich eher, warum sie noch mit dem Kinderkriegen warten sollten, wenn sie gerade in einer guten Partnerschaft leben. Die Deutschen warten auch auf den perfekten Zeitpunkt, den es ja bekanntlich nicht gibt und der dann auch nie wirklich kommt. 

Für mich sind auch einige andere Punkte sehr spannend, die Joeres aufgreift. In Deutschland gebe es den Mythos der "perfekten Mutter". Kennen wir alle, oder? Die Mutter bringt, sollte sie tatsächlich vormittags (aber doch nicht nachmittags) arbeiten, den perfekt gebackenen Kuchen zum Nachmittagsgruppenlesen in der Kita mit. Das Muttersein wird auf ein Podest gestellt. Ganz anders in Frankreich. Mütter müssen nicht alles machen. Sie bringen nicht den Kuchen mit, sondern die Köchin der crèche (Krippe) bereitet ihn für alle vor. 

Frauen dürfen in Frankreich auch früh wieder arbeiten ohne schief angeschaut zu werden. Die französischen Frauen sehen es als Selbstverständlichkeit, dass sie ihren eigenen Interessen nachgehen können. Sie nehmen sich einfach die Zeit für sich. Der Rat von Joeres' Hebamme, dass man sich immer Zeit nehmen könnte, mit jedem weiteren Kind würde man sich ja auch die Zeit für jedes einzelne Kind nehmen können, zeigt ganz klar die Einstellung der französischen Mütter.

Andere Themen sind die Geburt, die freie Zeit, das lange Aufbleiben oder der gepflegte Körper.


Joeres kritisiert vor allem das deutsche Bildungssystem und stellt fast nur die Vorteile des französischen vor. Mir scheinen die Aussagen immer wieder etwas einseitig zu sein. Natürlich bieten die Franzosen großartige Möglichkeiten der Betreuung an. In Frankreich ist das System ziemlich ausgefeilt, mit langen Öffnungszeiten, Kinderkrankenschwestern und einem umfangreichen Mahlzeitenangebot. Die Franzosen sind einfach der Meinung, dass die Betreuung das Beste für das Kind sei. Kinder werden als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen, die ihr eigenes soziales Umfeld haben und darin ihre Eltern nicht unbedingt brauchen. Schwierig wird es für mich persönlich, wenn selbst in den Ferienzeiten lange Ferienlager für die Kinder angeboten werden und somit nur an den Wochenenden für die Familie Zeit bleibt.

Joeres trifft immer wieder Aussagen, die für mich etwas zu wenig reflektiert scheinen. Bei kleinen Kindern sind meiner Meinung nach manche Dinge anders zu bewerten. Weil sie erst in der Welt ankommen müssen, weil sie mehr Nähe brauchen und gerade in der ersten Zeit so viel lernen. Ich denke, dass die Deutschen sicher lernen müssen, dass die Über-Mutter nicht das perfekte Ideal ist und den Müttern eigentlich viel mehr schadet. Und garantiert lässt sich noch Einiges von den Franzosen lernen: die Lässigkeit, dass sie einfach machen, sich selbst treu bleiben und nicht das Gefühl haben, ihr Leben völlig zu verlieren. Mir gefällt sehr, dass Kinder als autonome Menschen betrachtet werden, die ihre Rechten und Pflichten haben. 

Ich kann das Buch Vive la famille wirklich empfehlen. Denn Joeres' Beobachtungen (und an dieser Stelle kann ich sagen, dass es sich hauptsächlich um Beobachtungen aus ihrem Umkreis handelt und hin und wieder nur um von Forschern belegte Aussagen) sprechen viele Situationen an, die in Deutschland besser gehandhabt werden können. Beim Lesen hinterfragte ich immer wieder, in wie weit ich zustimmen kann und was unsere Erziehung eigentlich ausmacht. 

Die einzelnen Themen könnten nun breit diskutiert werden. Es geht ja um die Erziehung der Kinder! Mich würde deshalb stark interessieren, ob ihr das Buch schon gelesen habt und wie eure Meinung zum Buch und zum französischen Erziehungsstil ist. Ich bin gespannt.



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