14.09.2015

CampusMum: Lisa



In der Reihe CampusMum stelle ich euch Frauen vor, die neben Kind und Kegel noch ein Studium meistern. Ich frage sie nach ihrem wie, was und warum.


Wie ich mich freue, euch heute Lisa vorstellen zu dürfen! Lisa ist eine tolle Frau, die ich persönlich an einem verregneten Nachmittag in einem Eltern-Kind-Café vor sehr vielen Monaten kennenlernen durfte. Lisa lebt mit ihrem Freund und ihrem Sohn Henri, der bald zwei Jahre alt wird und die coolste, tiefe Stimme hat, die ich jemals bei einem Kind gehört habe, in einem Vorort von Mainz und studiert hier. Ich finde es großartig, dass sie meiner Einladung gefolgt ist und nun im Rahmen dieses Interviews Teil des Blogs wird. Dadurch habe ich sogar ein paar neue Dinge über sie gelernt. Das finde ich so spannend daran. Lisa erzählt uns, warum sie für eine Trennung zwischen Arbeit und Familie ist, wie sie und ihr Freund ihren Alltag finanzieren und warum man im Jetzt leben sollte. Seid gespannt!


Liebe Lisa, ich freue mich sehr, dass du dir die Zeit genommen hast, um meine Fragen zu beantworten. Erzähl’ uns doch bitte, welche Fächer du in welchem Semester studierst und in welcher Hochschule du eingeschrieben bist.

Gern, ich freue mich auch sehr in der CampusMum-Reihe mitmachen zu dürfen und von meinen Erfahrungen zu berichten. Ich studiere Deutsch und Philosophie/Ethik auf Gymnasiallehramt an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und komme jetzt ins 11. Semester, bzw. ins 3. Mastersemester.


Wie sieht ein typischer Uni-Tag bei dir aus? Wie war dein letztes Semester?

Normalerweise bin ich ungefähr an drei Tagen pro Woche an der Universität und besuche Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht. Im letzten Semester waren das zum Beispiel insgesamt sechs Seminare, d.h. 12 Semesterwochenstunden. Vereinzelt kommen dann noch Vorlesungen, Tutorien oder Lerngruppen hinzu. Am Ende des letzten Semesters haben mich so vier Prüfungsleistungen erwartet. Bei der zeitlichen Planung bin ich natürlich an die Betreuungszeiten von Henris KiTa gebunden. Wir bringen ihn morgens zwischen 9:00 Uhr und 9:30 Uhr in die Betreuung, meine Seminare starten dann um 10:15 Uhr. Gegen 16 Uhr wird er dann wieder abgeholt. Manchmal habe ich aber auch Seminare bis um 17:45 Uhr, dann muss mein Freund einspringen.


Wann nimmst du dir Zeit zum Lernen oder für Recherche?

Ich versuche alle Lerntätigkeiten und Unirecherchen in die Betreuungszeit zu legen, um außerhalb dessen noch genügend Zeit für Familie, Freunde, Haushalt und Erledigungen zu haben. Natürlich muss man in der Prüfungszeit auch mal auf den Abend, den Mitagsschlaf oder das Wochenende ausweichen, aber in der Regel bin ich für eine klare Trennung von Arbeit und Freizeit. Eine Einstellung, die ich auch mit ins Berufsleben nehmen möchte.


Diese Trennung versuche ich auch umzusetzen. Wie findest du denn einen Ausgleich zum Unialltag? Hast du (brauchst du) manchmal Zeit für dich? Wann hast du Zeit für dich? Und ihr für euch als Paar?

Seit ich studiere, habe ich leider kaum Zeit und Motivation für sportliche Aktivitäten gefunden. Für mich war es neben Lernstress und Nebenjobs schon immer ein befriedigender Ausgleich, ganz in Ruhe "häuslichen" Aktivitäten nachzugehen. Für manch einen mag das vielleicht albern klingen, aber ich liebe es zu dekorieren und alles schön ordentlich zu haben. Flohmärkte und die Jagd auf Secondhandschnäppchen sind dabei zu einem richtigen Hobby geworden, in diesem Sinne hatte ich schon immer einen "Nestbautrieb" ;-). Außerdem treffe ich mich oft mit Freunden. Der gegenseitige Austausch über Themen aller Art ist mir sehr wichtig und bringt mir immer neue und wertvolle Denkanstöße, auch abseits des Mama- und Studentenseins. Da die Großeltern leider weiter weg wohnen, haben wir jedoch weniger Zeit für uns als Paar. Im Grunde nur die Abende mit Wein und leckerem Essen auf dem heimischen Sofa. Wenn Henri dann aber mal für mehrere Tage bei Oma und Opa ist, nutzen wir die Zeit voll aus und unternehmen sehr viel zu zweit, so wie früher. Die Vorfreude auf das Wiedersehen ist dann aber auch wieder riesig, darin besteht wohlmöglich die Antinomie des Elternseins...

Haha, das kenne ich nur zu gut. Immer diese Gegensätze von Zeit-für-sich-haben-wollen und Ich-vermisse-ihn. 
Wie war das Studium in der Schwangerschaft? Hast du irgendwelche besonderen Erfahrungen gemacht? Und hast du ein Urlaubssemester genommen oder sogar ohne Pause weiterstudiert?

Während der Schwangerschaft mit Henri habe ich mein letztes Bachelorsemester absolviert und die Bachelorarbeit geschrieben, in der 38. Schwangerschaftswoche habe ich diese dann abgegeben. Manchmal wünschte ich, ich hätte die Schwangerschaft stattdessen mehr genossen, auf der anderen Seite bin ich aber auch unheimlich stolz auf meine Leistung. Grundsätzlich waren die Reaktionen auf meine Schwangerschaft positiv, wenn mir auch gesagt wurde, dass ich als Schwangere in der Seminarsvergabe nicht bevorzugt ausgewählt wurde. Dabei macht es doch nur Sinn, so kurz vor dem Abschluss und der Geburt des Kindes nach Möglichkeit alle Pflichtveranstaltungen zu besuchen. Noch heute ärgert mich teilweise diese sinnlose Unibürokratie, aber na gut... Nach der Geburt habe ich dann eigentlich nicht wirklich pausiert, nur habe ich in dieser Zeit Veranstaltungen ohne Anwesenheitspflicht belegt und die Inhalte über den Onlinereader abgerufen. Als Henri 5 Monate alt war, habe ich ihn dann stundenweise zu einer Tagesmutter gebracht, um zwei Seminare zu besuchen.


In eurer Familie studierst nicht nur du, sondern auch dein Freund. Wie finanziert ihr euer Studium, das Leben und das Kind? Arbeitet ihr neben dem Studium?

Zum Glück erhalte ich seit meinem Studienbeginn 2010 Bafög, das ja auch noch seit Henris Geburt 2013 durch den Kinderbetreuungszuschlag aufgestockt wird. Dazu kommen meinerseits noch Kindergeld und die Einkünfte aus meinem Nebenjob als Vertretungskraft an einem Gymnasium. Da sich mein Freund bereits in einem Zweitstudium befindet, hat er leider keinen Anspruch auf Bafög und finanziert sich deshalb durch einen Studienkredit und bis zu vier Nebenjobs. Man kann sich ja vorstellen, dass die Miete für unsere 3-Zimmerwohnung die meisten Kosten ausmachen, aber trotzdem geht es uns nicht schlecht mit dem Geld, was uns zur Verfügung steht. Nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus ideologischen Gründen kaufen wir fast alles Secondhand, bei den Lebensmitteln greifen wir oft auf regionale Anbieter und Foodsharing zurück.


Nun habe ich noch eine Frage zu einem anderen Thema: Wie ist denn die Betreuung eures Sohnes geregelt?

Wie schon erwähnt haben wir das Glück, für Henri einen Betreuungsplatz an der Uni-KiTa zu beanspruchen. Diese hat regulär von 7:30 Uhr bis 17:00 Uhr geöffnet, wovon Henri etwa 6 Stunden dort verbringt. Den Nachmittag verbringen wir meistens zusammen. Sehr gerne hätten wir trotzdem so etwas wie Leih-Großeltern, die im Falle eines KiTa-Streiks oder bei Krankheit die Betreuung übernehmen könnten. Aber das bleibt wohlmöglich auch auf lange Sicht gesehen nur ein Wunsch.


Welche Erfahrungen hast du an deiner Universität in der Rolle als Mutter gemacht? Hattest du z. B. schon einmal Probleme, eine Frist aufgrund von Krankheiten bei den Kindern einzuhalten oder an manchen Veranstaltungen nicht teilnehmen zu können?

Eigentlich thematisiere ich meine Mutterrolle vor Dozenten eher selten, es sei denn es geht um eine Abgabefrist für eine Studienleistung. Hier sind die meisten sehr kulant. Auch wenn ein akuter Notfall (Streik usw.) eintritt habe ich keinerlei Scheu, meinen Sohn mit in die Veranstaltungen zu nehmen. Anders als später im Klassenzimmer sehe ich im Vorlesungssaal gar keine Probleme, mein Kind mitzubringen. Bisher bin ich als Mutter nur an einer Stelle angeeckt und zwar, als es mal wieder um einen Seminarswunsch ging. Die Planung unseres Semesters hängt von vielen Faktoren ab und wir müssen als Eltern unsere Stundenpläne wie Nebenjobs akribisch aufeinander abstimmen. Alternativen sind da so gut wie ausgeschlossen, weshalb wir auf eine manuelle Eintragung in die Kurse angewiesen sind. Normalerweise wird nämlich gelost. Dafür hat scheinbar nicht jeder Studienmanager Verständnis. Glücklicherweise gibt es an unserer Uni für solche Fälle das Familienservicebüro, welches ich sofort mit Erfolg konsultiert habe. Solche Vorfälle sind aber eher selten.


Gibt es etwas, dass unsere Uni verändern könnte/Unis verändern könnten, damit es Studierende mit Kindern leichter haben?

Ich denke, dass die Anwesenheitspflicht in Seminaren für viele Eltern eine große Last ist. Gerade jetzt beginnt wieder die Erkältungszeit und die trifft dann oft nicht nur das Kind, sondern die ganze Familie. Zwei Fehltermine sind da ziemlich eng kalkuliert. Und auch sonst fänd ich es toll, wenn es in jedem größeren Fachbereich einen Eltern-Kind-Raum gäbe. Bisher gibt es an der Uni Mainz nur zwei Räume, die sehr weit auseinander liegen. Ich finde die Idee einfach super und würde mehr von solchen Räume begrüßen.


Empfindest du das Studium als einen guten Zeitpunkt, um ein Kind zu bekommen? 

Diese Frage wird mir oft gestellt und ich kann sie nur ausdrücklich bejahen. In den ersten zehn Monaten nach Henris Geburt hat mein Freund noch gearbeitet, die Entscheidung für das Zweitstudium war auch eine Entscheidung für mehr Familienzeit und dafür, das eigene Kind aufwachsen zu sehen - jeden Tag und nicht nur an den Wochenenden. Wenn wir finanziell auch Abstriche machen müssen, so ist die Zeit mit dem Kind nicht käuflich und ich weiß auch, dass sie nach Abschluss des Studiums nicht mehr dieselbe sein wird.


Und zum Abschluss: hast du für unsere LeserInnen und für mich ein paar Ratschläge, die das Studium mit Kind betreffen? Welche Tipps sollte man beherzigen?

Ich rate meinen Kommilitonen oft (ob mit oder ohne Kind ist hier völlig egal), das Studium nicht allzu ernst zu nehmen. Das ist im Lehramtsstudium leichter gesagt als in einem Medizinstudium, schon klar. Aber erst, seitdem ich Mutter bin, habe ich gelernt, was wirklich zählt im Leben. Das ist nicht Karriere, das Leben für die Zukunft, sondern das Leben im Jetzt. Mutter zu sein ist überhaupt schon eine Leistung, aber Akademikerin und Mutter zu sein, das verlangt wirklich viel ab. Deshalb kann ich nur raten, das Wesentliche dabei nicht aus den Augen zu verlieren. In der heutigen Zeit muss man allem gerecht werden, aber am ehesten doch sich selbst und seinen Liebsten. Ebenso sollte man sich Vorurteile und Belehrungen durch Fremde nicht zu Herzen nehmen. Heutzutage wird man allzu oft als Mutter verurteilt, sei es weil man nicht stillt oder weil man sein Kind mit 10 Monaten in die Krippe gibt. Das ist alles Quatsch und jeder will doch nur das Beste für sein Kind und seine Familie. Und ebenso wie der Job erfordert auch das Studium gewisse Entscheidungen, die jeder selbst am besten zu treffen weiß.


Lisa, das sind die besten Abschlussworte. Du hast es wirklich auf den Punkt gebracht. 
Ich danke dir sehr für's Mitmachen und wünsche dir für die Semester im Master noch viel Motivation, gute Dozenten und einen erfolgreichen Endspurt.


Lisa findet ihr übrigens auch auf Instagram unter dem Namen labeauvoirienne.



Alle bisherigen Interviews der Reihe CampusMum findet ihr hier. Und hier kommt ihr zu allen Artikeln, die sich mit dem Thema Studieren mit Kind beschäftigen.

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