29.10.2015

The terrible twos


Uff. Kurz ausatmen. Was war denn gerade wieder bei Anton los?!

Ich fange vielleicht ein paar Monate vorher an. Als Anton ungefähr eineinhalb Jahre alt war, merkte ich, wie mit seinem wachsenden Sprachvermögen und seinem größer werdenden Verständnis für die Welt auch seine Ausdruckskraft stärker wurde. In manchen Fällen war das ganz schön, denn er zeigte mir mit Küsschen, Umarmungen und Knuddeleien, wie lieb er mich hatte. Aber es gab auch Momente, die waren "herausfordernd". Herausfordernd ist doch ein gutes Wort, um das geliebte Kind nicht als anstrengend zu bezeichnen, oder?

Was ich damals noch nicht wusste: die "richtige" Trotzphase sollte noch kommen. The terrible twos. Und nun stehe ich an manchen Tagen da, muss verschnaufen und frage mich, was denn gerade mit meinem Kind passiert ist.

Wie? Ihr Kind ist immer freundlich, freut sich über lange Warteschlangen und braucht keinen Schnuller mehr? Hereinspaziert, hereinspaziert, Sensatioooon! Von diesem kleinen Menschen kann Ihr Kind noch Einiges lernen. Sich auf den Boden werfen, schreien, bis die Tränen kommen, an den Haaren ziehen und sich so stark verbiegen, dass man Angst hat, der Kinderwagen fällt im nächsten Moment um. Das kann er. Ihr Kind nicht? Dann möge es sich doch Einiges bei meinem kleinen Wunderkind abschauen.


Drei Beispiele aus dem Alltag

Ein ganz typisches Beispiel. Ich möchte Anton morgens nach dem Frühstück wickeln. Festes Ritual, wird jeden Tag genau so gemacht. Aber der kleine Mann, der erstaunlich viel Kraft besitzt, wehrt sich, schreit und weint und ich muss ihn einfach sitzen lassen, bis er sich beruhigt hat. Was er hat? Keine Ahnung? Er möchte genau diese eine, volle Windel anbehalten. Tsss.

Ein anderes Beispiel. Anton möchte Saft trinken. Ich fülle ihm also Saft und Wasser in seinen Becher und stelle diesen dann auf einen kleinen Stuhl in die Küche. So kann Anton jederzeit trinken (und ihm Zweifelsfall können wir alles gemeinsam aufwischen). Kurze Zeit später kommt er angelaufen und ruft Miiiiiech (Milch) miiiiiiech miiiiiech. Er wird immer lauter. "Anton, hast du schon deinen Saft ausgetrunken?" Natürlich nicht. Ich erkläre ihm, dass er erst Milch bekommt, wenn der Becher leer ist. Anton schreit und ärgert sich. Wirft sich auf den Boden, strampelt und ruft ständig Miiiiiech. E i n e Stunden lang. Bis er sich überwunden hat, den Saft leer trinkt und dann natürlich seine Milch bekommt.

Und ein drittes. Ich sitze am Laptop und schreibe. Anton kommt, sieht den Laptop und will Lieder hören. Entweder ich höre mit ihm zwei, drei Lieder und beende dann unsere Lauschsession oder ich sage direkt nein - egal, wie ich es mache, es gibt immer ein verärgertes Kind, das unbedingt noch weitere Stunden vor dem Laptop sitzen und nichts anderes machend Lieder hören möchte.

Diese Beispiele ließen sich endlos aufzählen: Treppen laufen, drinnen oder draußen bleiben, Brockoli essen usw.


Und nun?

Man könnte das natürlich jetzt auch lustig finden. So ein kleiner Mann mit so einem Dickkopf und einem so starken Willen. Wie seine Eltern. Ha. Aber ganz ehrlich, so gut ich auch finde, dass er weiß, was er will, so anstrengend sind diese Wut- und Trotzanfälle. An guten Tagen finden solche Situationen nur zwei, drei Mal in ganz schwacher Form statt. An schlechten Tagen würde ich am liebsten heulen, weiß nicht mehr, wie ich an mein Kind rankomme und verstehe - genauso wie Anton - für einen kurzen Moment die Welt nicht mehr.

Ich habe aber gelernt zu begreifen, dass Anton diese Phasen nicht mit Absicht hat. Er weiß ja selbst nicht, was mit ihm geschieht und manchmal merke ich ihm seine Verzweiflung richtig an. Er steigert sich dann hinein, die ganze Welt ist doof und er fühlt sich missverstanden.

In diesen Situationen erkläre ich ihm, dass ich für ihn da bin. Ich sage ihm, dass ich verstehe, dass alles für ihn doof ist, dass ich ihm aber nicht mehr helfen kann und dass er zu mir kommen darf, wenn er bei mir sein möchte. Ich bleibe in den meisten Fällen bei ihm im Zimmer, aber lasse ihn in Ruhe und lasse ihn sich austoben.

Wenn ich merke, dass ich doch sauer auf ihn werde, weil mir auch alles zu viel wird, dann gehe ich aus dem Raum und beruhige erst einmal mich selbst. Meistens setzt ganz schnell die Erkenntnis ein, dass Anton doch eigentlich selbst nicht weiß, was er tut und ich kann mich wieder auf ihn einlassen.

Froh bin ich, wenn dann wieder alles gut ist. Oft geht das ganz plötzlich: dann hört Anton mir wieder zu, lässt sich die Welt erklären und drückt mich im nächsten Augenblick, um mir zu sagen, dass er mich lieb hat.


Und jetzt sagt mir bitte, dass ihr eure Kinder auch nicht immer versteht! Dass sie trotzen und wüten, weinen und schimpfen. Wie geht ihr damit um?


P.S. Das Bild ist während einer Trotzphase während des Urlaubs entstanden. Wir wollten zum Abendessen gehen und Anton wollte sich einfach keinen Meter von unserem Häuschen entfernen. So schön der Urlaub auch war, so sehr hatten wir mit den täglichen Strecken zu kämpfen.

Kommentare:

  1. Bei uns spielen sich GENAU die gleichen Situationen ab. Da kann ich dich also beruhigen. Mena setzt dem ganzen oft noch die Krone auf, indem sie ganz laut AUA schreit, wenn ich in der Öffentlichkeit mich zu ihr runterbeuge und sie am Arm berühre.
    Ich fahre so ziemlich die selbe Strategie um damit umzugehen, wie du. Schon witzig. Damit bin ich im Familien- und Freundeskreis oftmals ein Sonderling, aber für uns funktioniert es prima und schont auf lange Sicht unser aller Nerven.
    Danke für den schönen Post!

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    1. Liebe Madeleine, toll, dass du von euch berichtest. Oha, cool, so, dass Mutti schön die böse ist :) Kinder sind ja wirklich schlau. Es gibt ja auch Mütter, die nie böse auf ihre Kids werden. Aha. Die können natürlich dann immer mit ganz viel Liebe und Ruhe auf ihr Kind eingehen. Bevor ich unruhig und genervt bin, nehme ich mir lieber eine kurze Pause.

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  2. Du bist nicht allein! Hier alles genau SO! Und ich gehe ebenfalls so damit um. Meine Tochter möchte alles alleine machen - was oftmals nicht klappt (Strumpfhose alleine anziehen mit 21 Monaten...ein schwieriges Unterfangen.) Dann ist sie total verärgert, mein Angebot, ihr zu helfen, entzürnt sie aber meist noch mehr. Also warte ich ab, bis sie sich beruhigt hat und dann geht's meist wieder. Aber manchmal gibt es auch Tage, an denen ich ihr gefühlt nichts recht machen kann - das ist mega anstregend oder, wie Du so schön sagst: herausfordernd ;))

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    1. Liebe Sabine, hach ja, unsere Kids. Die haben es aber auch nicht leicht. Fühlen sich manchmal unterfordert und manchmal verstehen sie nicht, dass sie einfach noch nicht so weit sind. Schön, dass es nicht nur uns so geht :)

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