18.03.2016

Der große Bruder


Normalerweise bemühe ich mich, nicht zu viel von Anton preiszugeben. Er ist mittlerweile ein kleiner Mensch mit eigenen Charakterzügen und für mich ist der Blog nicht der richtige Ort, um die Persönlichkeit meines kleinen Lieblingsmenschen zu erörtern. Es ist mir tatsächlich zu privat. Wenn ich über meine Gedanken zum Alltag oder zur Schwangerschaft schreibe, dann nehme ich die Verantwortung auf mich, hinterfrage das Geschriebene und stehe zu meinen Worten. Anton dagegen ist gar nicht in der Lage meine Texte zu beurteilen und deshalb möchte ich ihn auf diese Weise "schützen". Es gibt aber Themen, die ich nicht aussparen will. Und mich beschäftigt zur Zeit Antons neue Rolle in unserer Familie: Anton, der große Bruder.

Wenn man sich als Familie ein zweites (drittes, viertes,...) Kind wünscht, dann steht man zwangsläufig vor der Frage, wie das ältere Kind darauf reagieren wird. Ist das für die Familie gut, fühlt sich das ältere Kind ausgestoßen, freut es sich über das Geschwisterchen? Viele Fragen und Situationen gehen einem durch den Kopf. Als ich Freunden erzählt habe, dass wir noch ein Baby bekommen werden, hörte ich mehr als ein Mal: Anton wird bestimmt ein toller großer Bruder sein. Und ich habe mich gefragt, ob das denn stimmt.


Beobachtungen und Fakten

Anton ist aktuell 2 Jahre und 4 Monate alt. Wenn das Baby kommt, wird er 2 Jahre und 9 Monate alt sein.

Anton interessiert sich wenig für andere Kinder. Es sei denn, sie haben tolle Spielzeugautos. Dann interessiert er sich vor allem aber für ihr Spielzeug. Mir fällt immer wieder auf,  dass Anton bei den Treffen mit anderen Kindern eher alleine spielt. Erst dachte ich, dass er einfach ein bisschen schüchtern ist, doch dann fiel mir auf, dass er selbst bei der Tagesmutter nicht soo viel mit den Mädels agiert, sondern auch viel alleine macht. Es gibt immer wieder Ausnahmen, in denen ich ganz begeistert bin, wie "kooperativ" er doch sein kann, doch in den meisten Fällen ist er bei sich. Gut, er ist also aktuell eher ein Einzelgänger. Da kommt er definitiv nicht nach mir :-) Ich bin deshalb sehr gespannt, was die neue Situation mit ihm machen wird: vielleicht lernt er es, gerne mit anderen Kindern zu spielen oder er interessiert sich nicht für sein Geschwisterchen.

Anton braucht Zeit, um neue Situationen zu verinnerlichen. Die Geschichte mit dem Schnuller zeigte mir ganz eindeutig, dass es viel bringt, wenn wir Anton immer wieder einen Umstand erklären, dass wir ihm aber auch die Zeit geben müssen, die er braucht, um Veränderungen zu verstehen und zu verinnerlichen. (Wenn ich das richtig einschätzen kann, hat er das von Mama und Papa.) Deshalb ist es für uns ganz klar, dass wir Anton schon von Anfang an erzählen, was gerade passiert: Mama hat ein Baby im Bauch und das ist sein Geschwisterchen. Im Sommer, wenn es ganz heiß ist, kommt es auf die Welt und dann gehören zur Familie Papa, Mama, Anton und das Baby. Anton versteht diese Aussagen schon sehr gut. Wir sprechen also jeden Tag kurz darüber. Mir geht es gar nicht darum, dass er sich wie bolle auf das Baby freut, vielmehr soll er mit dem Gedanken vertraut gemacht werden, dass wir bald zu viert sein werden.

So war es für mich auch eine Selbstverständlichkeit, dass er von Anfang an von der Schwangerschaft bescheid wusste und auch beim ersten Ultraschall dabei war. Auch auf die Gefahr hin, dass er unser Geheimnis verraten konnte.


Großer Bruder Baby

Ich bin mir sicher, dass Anton in seinem Alter noch nicht einschätzen, welche Veränderungen dieses Baby wirklich für unsere Familie mit sich ziehen wird. Dass ich also meine Zeit und Aufmerksamkeit zwischen zwei Kindern aufteilen muss, dass ich nach der Geburt eventuell nicht so belastbar bin oder dass er irgendwann sein Zimmer und seine Spielsachen teilen muss. Ich glaube aber schon, dass er verstanden hat, dass sich etwas ändern wird.

Fast jeden Tag kommt er zu mir, zieht mir das Oberteil hoch und sagt Baby hallo sagen. Baby streicheln. Baby raus ist spielen. Baby nicht hauen. (Macht er nämlich manchmal ganz gerne.) Baby kommt heiß ist. Großer Bruder Baby.

Als der große Bruder vom Baby weiß Anton, dass er selbst kein Baby mehr ist. Er ist ein großer Junge. Ein großer Junge, der schon stark ist und bereits ganz viel gelernt hat. Und weil er ja schon so groß ist, lassen wir auch immer wieder "erziehungstechnisch" kleine Neuerungen einfließen. So erkläre ich ihm beispielsweise beim Wickeln, dass er doch nun ein großer Junge sei. Wenn das Baby komme, brauche es Windeln. Es sei ja auch ein Baby. Und Anton, ob er dann noch Windeln brauche? Er sei doch ein großer Junge!

Solche und ähnliche Formulierungen bringen zur Zeit noch keine Veränderungen, doch bin ich mir sicher, dass wir Anton ganz gut damit "abholen" können. Er versteht gerade sehr gut, dass er schon groß ist und wir deshalb auch ein paar Dinge von ihm erwarten können. Das bezieht sich jetzt gar nicht nur auf das Wickelthema, da lasse ich ihm seinen Rhythmus. Aber bei so leidigen Themen wie Gabel runterwerfen und nicht aufheben wollen funktioniert das ganz gut. Es klappt natürlich aber auch so gut, weil Anton gerade wirklich so weit ist, uns zu verstehen. Mir ist gleichzeitig bewusst, dass wir unseren großen Jungen nicht überfordern dürfen und dass auch er ein Kleinkind ist.


An einem Nachmittag, an dem wir mal wieder von Termin zu Termin gehetzt sind, zu spät waren, ich dann in zu viel Hektik einen Blogartikel fertigstellen wollte, aber die unaufgeräumte Küche im Hintergrund sah und mich auch noch meine Lateinhausaufgaben ärgerten, da legte ich mich irgendwann zu mein verschlafenes Kind ins Bett, das seinen Arm um mich legte und ganz friedlich da lag. In diesem Moment wurde mir wieder bewusst, zu wie viel Liebe ich fähig bin und dass ich ein zweites Menschlein genauso liebe/n werde. Ich bin so dankbar, dass ich Mutter von einem wunderbaren Jungen bin und dass wir bald unser zweites Kind kennenlernen dürfen.

Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt darauf, wie Anton auf das Baby reagieren wird, wenn es da ist. Ich glaube, dass er dadurch noch sehr viel Neues lernen wird und dass es seinem Charakter gut tut. Andererseits bin ich mir sicher, dass es nicht immer leicht für ihn sein wird. Wir haben uns noch Einiges überlegt, wie er auf das neue Familienmitglied eingestimmt wird, ohne sich ausgeschlossen oder weniger wichtig zu fühlen. Davon erzähle ich euch schon nächste Woche mehr.

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