29.04.2016

Studieren mit Kind Kolumne auf Campus Mainz: Lateinkurse während des Studiums belegen: Gute Wahl oder schlimmste Qual?


Das Thema Studieren mit Kind kommt endlich wieder im Rahmen meiner neuen Kolumne auf Campus Mainz zur Sprache. Weil er dieses Mal nicht zu uni-spezifisch ist, möchte ich ihn auch hier mit euch teilen. Es geht vor allem darum, wie kompliziert es für Eltern ist, einen zusätzlichen Sprachkurs bzw. Lateinkurs an der Uni zu belegen.

Im Studium trifft man immer wieder neue Entscheidungen. Vor allem zu Beginn des Semesters fragt man sich, ob man dieses Seminar belegen oder sich einen freien Tag gönnen soll, ob man zu diesem Dozenten gehen möchte und wann ein Praktikum am sinnvollsten ist. Vor einigen Semestern traf ich eine folgenschwere Entscheidung, die mich bis in die vergangene vorlesungsfreie Zeit verfolgte: Ich belegte Latein.

In meinem Hauptfach gibt es ein Sprachmodul, für das man jede beliebige Sprache wählen kann und zwei Kurse erfolgreich bestanden haben muss. Wenn ich aus dem Bauch heraus entscheiden könnte, würde ich Italienisch wählen. 

Doch meine Vernunft siegte und ich wählte Latein. Als absoluter Planungsmensch wollte ich mir für meine Zukunft alle Optionen offen halten. Den Master in Kunstgeschichte kann man zwar in Mainz auch ohne Lateinkenntnisse abschließen, jedoch kann ich heute noch nicht sagen, wo ich meinen Master machen werde. An den meisten Universitäten benötigt man Lateinkenntnisse für den Master und so wollte ich das Sprachmodul dafür nutzen.


Zeitintensiver Anfängerkurs

Im Sommersemester 2015 begann ich dann also voller Zuversicht den Lateinkurs für Anfänger. Doch schon die Semesterplanung deutete an, wie die nächsten Monate laufen würden: In meinem sowieso schon recht knappen (Betreuungs-)Zeitfenster musste ich nun vier Semesterwochenstunden für Latein freihalten. In der Regel ist mein Sohn bis 14 Uhr bei der Tagesmutter, das bedeutet, dass ich im Schnitt zwei Veranstaltungen am Tag belegen kann.

Mich ärgerte nicht nur, dass die Zeit so knapp war, sondern auch, dass ich von drei Kursen nur einen einzigen auswählen konnte, bei dem beide Veranstaltungen am Vormittag stattfanden. Somit fielen sehr spannende Seminare in Kunstgeschichte für mich weg. Meine Devise lautete jedoch, Augen zu und durch. In diesem Semester hatte Latein Priorität. 

Dann begann der erste Kurs und ich merkte sehr schnell, dass meine Motivation alleine nicht genügte. Der bewusst frei gehaltene Dienstag reichte überhaupt nicht aus, um all die Hausaufgaben zu machen und Vokabeln zu lernen, gar noch um die Grammatik zu verstehen. So saß ich beinahe jeden Abend am Schreibtisch und kam irgendwie zurecht. 

In den letzten Wochen vor der Klausur, nachdem auch alle Referate gehalten waren, lernte ich noch einmal sehr intensiv. Jeden Abend bis 1 oder 2 Uhr nachts, mit kurzen Verschnaufpausen und unzähligen Merkzetteln. Plötzlich merkte ich, wie ich den Stoff verstand, im Unterricht wirklich mitkam und mir die Fleißarbeiten schon fast Spaß machten. Mein Ehrgeiz der letzten Wochen zahlte sich aus und ich bestand die Abschlussklausur mit einer überaus guten Fehleranzahl.


Überfordert mit dem Fortgeschrittenenkurs

Der zweite Lateinkurs stand an und ich musste mir gut überlegen, ob ich den Fortgeschrittenenkurs als vierwöchigen Intensivkurs in den Semesterferien machen wollte oder ein ganzes Semester dafür nutzen sollte. Da zwei wichtige und große Hausarbeiten in der vorlesungsfreien Zeit anstanden, entschied ich mich für die zweite Variante. Eins nach dem anderen. 

Das folgende Wintersemester stand leider unter keinem guten Stern. Es gab keinen einzigen Fortgeschrittenenkurs, der nur vormittags stattfand und so entschied ich mich für folgende Möglichkeit: Ich belegte die erste Hälfte des Seminars und musste dann nach der Hälfte der Zeit aufbrechen, um Anton abzuholen.

Weil ich somit regelmäßig fehlte, war ich nicht offiziell im Kurs angemeldet und durfte die Abschlussklausur nicht mitschreiben. Doch wollte ich unbedingt vermeiden, dass ich eine zu lange Lateinpause hatte. Denn es gab für mich noch die Möglichkeit, die Einstiegsklausur zu Beginn des Sommersemesters mitzuschreiben.

Aber nicht nur das störte. Mir ging sehr viel Input verloren. Ich bekam nicht mit, welche Hausaufgaben dran waren und verlor allmählich die Motivation und den Anschluss. Ich kam im Unterricht nicht mit, hatte oft falsche Übungsaufgaben gemacht und verstand die Grammatik nicht. 


Ratlosigkeit, Verzweiflung und ein Lichtblick

Am Ende des Semesters war ich ziemlich verzweifelt, denn ich wusste, dass ich die letzten Wochen eigentlich vergeudet hatte. In den vergangenen beiden Semestern hatten meine Interessen stark zurück stecken müssen, ich lernte fast jeden Abend und merkte doch, wie wenig ich eigentlich aufnahm. 

In der Zwischenzeit hörte ich aber von Studierenden anderer Fächer, dass sie für ihr Studium nicht das volle Latinum bräuchten, sondern “nur“ Lateinkenntnisse, also den Anfänger- und Fortgeschrittenenkurs, nicht aber den Lektürekurs plus die Latinumsprüfung. Für mich war das ein echter Lichtblick und ich klärte schnellstmöglich mit unserem Studienmanager, wie die Regelungen für unser Sprachmodul waren. Und tatsächlich: es reichen Lateinkenntnisse. Puh. Und auch an meiner Wunschuni für den Masterstudiengang erfuhr ich, dass in Zukunft nur Kenntnisse, nicht aber das Latinum erforderlich seien. Doppel Puh. Ein Stein fiel mir vom Herzen.

Doch eine Hürde musste ich noch meistern: Mir fehlte die Abschlussklausur des Fortgeschrittenenkurses. Weil ich keine Lust hatte, noch ein ganzes Semester mit Latein zu verbringen (und damit auch einen schlechten Stundenplan zu riskieren) und ich kaum auf meine raren Lateinkenntnisse zurückgreifen konnte, entschied ich mich dafür, den Semesterferienkurs zu belegen. Die Hausarbeit musste ich demnach innerhalb von vier Wochen (in meinem Fall nur vormittags) komplett schreiben, damit ich mich dann vier Wochen ausschließlich mit Latein beschäftigen konnte. 


Der Semesterferienkurs als Rettung

Wenn man bedenkt, dass Schüler auf dem Gymnasium denselben Stoff innerhalb von vier Jahren lernen, den wir in vier Wochen lernen sollen, dann ist das verrückt. Dennoch war dieser Kurs meine Rettung. Es begann schon damit, dass wir einen Dozenten hatten, dessen Vermittlungsmethode für mich genau richtig war. Auch die Kürze der Zeit war nicht ganz unwesentlich. Man wusste, dass in vier Wochen alles vorbei war. Und der Stoff blieb natürlich im Kopf.

Doch es hatte auch für mich den Nachteil, dass ich morgens an der Uni im Kurs saß, nachmittags die Zeit mit meinem Sohn verbrachte und mich erst ab 20 Uhr an den Schreibtisch setzen konnte. Mir blieben also im Schnitt drei bis vier Stunden, um alle Hausaufgaben, Lerneinheiten, Wiederholungen und Grammatikübungen zu machen. Das ist leider sehr wenig Zeit für Latein.

Ich habe die Tage bis zu meiner erhofften Freiheit gezählt! Gleichzeitig machte ich mir auch einen Notfallplan, denn immer wieder verließ mich die Hoffnung auf ein gutes Ende. Zum ersten Mal im Studium erlebte ich echte Verzweiflung. Ich wusste zwischenzeitlich nicht, wie ich all das schaffen sollte. Zudem wurde Anton auch noch für zwei Tage krank und musste zu Hause bleiben. Das hieß für mich, dass ich zwei Tage im Kurs fehlte und mir alles selbst aneignen musste.

Am Gründonnerstag stand dann die entscheidende Klausur an. Entweder ich bestand mit ganz viel Glück und den Grammatikregeln, die ich gelernt hatte, oder ich würde mich einer anderen Sprache zuwenden und Latein abwählen. Zwei Tage später kam dann die Email: Bestanden. Sehr knapp. Und doch, bestanden. Ich bin durch die Stadt gehüpft und habe mich riesig gefreut, als ich diese Nachricht bekam. Endlich: (Hoffentlich) nie wieder Latein.


Fazit

Auch wenn ich persönlich Latein als große Belastung empfunden habe und letztlich nur mit Ach und Krach bestanden habe, weiß ich, dass es manchen anderen Studierenden leichter fiel und sogar Spaß machte. Obwohl ich ein sehr fleißiger Mensch bin, ist es mir sehr schwer gefallen, ein Jahr lang jeden Abend Latein zu lernen und dabei motiviert zu bleiben. 

Machbar ist es dennoch. Es gibt ein paar Dinge, die ich im letzten Jahr gelernt habe und ich möchte sie mit dir teilen. 

Denn das letzte Semester zeigte mir, dass meine Motivation und mein Wollen einfach nicht ausreichten. Latein zu lernen, ist schon hart genug, mit Kind ist das noch viel schwerer. Zum einen bin ich nicht der Typ, der in kurzer Zeit viel auswendig lernen kann. Zum anderen fehlen mir die Nachmittage zum Lernen. Und außerdem bin ich häufig abends einfach nur sehr müde, wenn ich den ganzen Nachmittag auf dem Spielplatz verbracht habe. 

Wenn du dir überlegst, auch an der Uni Latein zu lernen, habe ich hier noch einmal in Kürze ein paar Punkte, die dir vielleicht helfen können.

Welche Lateinkenntnisse sind in deinem Fach erforderlich? Brauchst du das Latinum oder nur die Grundkenntnisse?
Wenn man relativ gut beim Anfängerkurs mitkommt, empfiehlt es sich, den Fortgeschrittenenkurs in den Semesterferien zu belegen. Wenn alles gut läuft, hat man bereits nach einem Jahr sein Latinum in der Tasche. Ein weiterer Vorteil ist auch, dass man während der vorlesungsfreien Zeit nicht den gesamten erlernten Stoff wieder vergisst. 
Gerade bei Eltern: Wie viel effektive Lernzeit kannst du aufbringen? In wie vielen Semestern möchtest du das Latinum geschafft haben? 
Bedenke, dass du in kurzer Zeit sehr viel auswendig lernen musst.


Übrigens waren die letzten drei Semesterferienwochen echte Ferien. Ich hatte keine weiteren Abgaben, musste nichts lesen und für keine Prüfung lernen. So kann ich nun erholt in das neue Semester starten!

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