02.05.2016

CampusMum: Juli



In der Reihe CampusMum stelle ich euch Frauen vor, die neben Kind und Kegel noch ein Studium meistern. Ich frage sie nach ihrem wie, was und warum.


Instagram ist ja eine mächtige Inspirationsquelle und so stoße ich auch regelmäßig auf studierende Mütter und ihren Alltag oder ihre Eindrücke, die sie teilen. Im heutigen CampusMum Interview stelle ich euch eine Frau vor, die mir auch wegen ihren hübschen Fotos aufgefallen ist. Und natürlich auch, weil unsere Söhne im ähnlichen Alter sind. Juli lebt mit ihrem Mann und ihrem zweieinhalb Jahre alten Sohn Valentin in Chemnitz und studiert nun, nachdem sie bereits eine Ausbildung absolviert und einige Jahre im erlernten Beruf gearbeitet hatte. Ihre freie Zeit verbringt sie mit ihrer Familie, besucht tolle Spielplätze oder die Natur, fährt Fahrrad, backt, liest oder erfreut sich an den schönen Dingen.

Ich bin sehr gespannt, welche Gründe Juli dazu veranlasst haben, sich mit Kind für ein Studium zu entscheiden, wie sie ihre Zeit plant und welche Tips sie uns geben kann.


Liebe Juli, wie schön, dass du beim Interview mitmachst! Ich bin ganz gespannt, wie du dein Studium meisterst und welche Erfahrungen du machst. Erzähl‘ uns doch bitte, was und wo du studierst.

Ich studiere an der Technischen Universität Chemnitz im 2. Semester Psychologie.


Du hast dich nach einer Ausbildung und nach einer Arbeitszeit von drei Jahren für ein Studium entschieden. Wie kam es dazu?

Ganz kurz: Ich habe mich noch nicht am Ende meiner Möglichkeiten gesehen. In meinem Beruf als Logopädin war ich bei meiner damaligen Anstellung in einem Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern eine einzelne kleine Therapeutin, die zwar die Arbeit mit den Menschen wichtig und gut empfand, aber auch als nicht ausreichend. 

Den Anstoß zu meinem grundlegenden Umdenken lieferte ein ehemaliger Chefarzt der Klinik, in der wir als Tochtergesellschaft arbeiten. Er sprach davon, dass er sich als junger Facharzt vorgestellt hat, was er am Ende seiner Karriere erreicht haben will. Und er hatte es geschafft. Das war beeindruckend für mich und ich begann mich selbst zu fragen, wie diese Pläne bei mir aussahen. 

Außerdem wichtig für mich waren das Studium meines Mannes, unsere Familienplanung und mein eigenes Alter. Ich stellte mir vor, dass ich in ein paar Jahren nicht mehr so leicht ein Studium aufnehmen könnte, also entschied ich mich, alles auf eine Karte zu setzen und bewarb mich kurzerhand. Erst als ich die Zusage hatte, setzte ich mich mit meinen Vorgesetzten in Kontakt. Wäre ich nicht angenommen worden, wäre sicherlich vorerst alles beim Alten geblieben.


Wie sieht dein aktuelles Semester aus? Wie viele Veranstaltungen besuchst du?

Aktuell besteht mein Stundenplan aus sechs Vorlesungen, vier Seminaren und zwei Übungen. Eigentlich wollte ich sogar noch eine Übung und ein Seminar mehr besuchen, aber da bin ich sehr zum Dank meines Mannes nicht reingekommen. Ich habe mir die Veranstaltungen bewusst über eine Fünf-Tage-Woche verteilt, damit ich mein Pensum gelassen bestreiten kann. 

Zusätzlich müssen wir im Bachelor sogenannte Versuchspersonenstunden (VP-Stunden) sammeln. Das beinhaltet die Teilnahme an Studien unseres Institutes, für die man dann, je nachdem wie lange die Studie geht, zwischen 1/2 und auch mal 2 VP-Stunden erhält, wenn es zum Beispiel einen zweiten Erhebungszeitpunkt gibt. 


Wann nimmst du dir Zeit zum Lernen oder für Recherche?

Mein Prinzip sieht vor, alles vom Wochenende fern zu halten, damit wir diese Zeit dann für uns als Familie haben. Also muss ich tagsüber vor der Uni oder in Freistunden recherchieren. Manchmal auch noch am Abend, wenn Valentin im Bett ist. Direkt gelernt wird erst vor den Prüfungen, dann je nachdem wie die Prüfungen liegen, kommen uns auch unsere Eltern entgegen und nehmen unseren Sohn für das ganze Wochenende mit zu sich. In diesem Semester wird genau in unserer Prüfungsphase für zwei Wochen der Kindergarten Urlaub haben. Auch für diese Zeit können wir uns wieder auf unsere Eltern verlassen. In der ersten Woche ist Valentin bei den Eltern meines Mannes, in der zweiten bei meinen. 


Wie sieht ein typischer Unitag für dich aus?

Wir haben keinen Wecker, da bei uns niemand vor um 9 im Kindergarten oder in der Uni sein muss. Das klingt ziemlich luxuriös und ich empfinde es als großes Glück, dass wir den Morgen zu dritt für ein gemeinsames Frühstück und Absprachen haben. Einer von uns bringt Valentin dann in den Kindergarten, der zum Glück nur wenige Gehminuten von unserem zu Hause entfernt ist.

Jetzt, wo das Wetter besser wird, nehme ich zu meinem Uniteil (das Institut für Psychologie ist separat in einem Gebäude untergebracht) meist das Rad. Der Weg führt mich mitten durch den herrlichen Stadtpark und ich spare enorm Zeit ein, als wenn ich die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen würde.

Außer Montags habe ich immer so Schluss, dass ich Valentin aus der Krippe abholen kann. Die Veranstaltungen liegen dann auch immer hintereinander, aber das ist meist kein Problem. Auch wenn ich mal vom Institut zum Campus oder umgekehrt muss, ist dafür immer genügend Zeit. Absprachen mit Referatspartner treffe ich immer gern gleich in der Uni, das ist für mich einfach praktischer. 

Meine liebsten Unitage sind die, wenn ich meinen Mann irgendwo treffe. Meistens planen wir das, aber es kommt auch vor, dass wir uns zufällig über den Weg laufen. Das ist etwas komplett Neues für mich, da ich so etwas vom Arbeitsalltag ja gar nicht kannte. 

Wenn wir am Abend wieder alle zu Hause zusammentreffen, versuchen wir, gemeinsam zu kochen und dann den Sandmann anzuschauen. Je nachdem, wer von uns noch am selben Tag wichtige Uniaufgaben zu erledigen hat, bringt dann der jeweilige andere Valentin ins Bett. 


Du hast es bereits angeschnitten: Wie ist denn die Betreuung von Valentin organisiert?

Wir sind wirklich froh über die nahe gelegene Krippe, in einem halben Jahr kann Valentin dort gleich in den Kindergarten wechseln. Die Erzieherinnen kennt er dann schon vom Sehen, ein paar neue Räume kommen dazu. 

Wie schon beschrieben, geben wir Valentin spätestens um neun ab, er isst dort zu Mittag und Vesper, danach soll er noch genügend Zeit haben, um zu spielen. Um vier wird er dann von uns abgeholt. 

Dein Freund studiert ja auch. Wie finanziert ihr eure Familie, den Alltag und die Extras?

Einen Großteil macht das Bafög aus, das ich elternunabhängig durch Ausbildung und Beruf bekomme. Außerdem arbeite ich an einem Wochenende im Monat im Krankenhaus auf meiner alten Station. Mein Mann hat ebenso einen Nebenjob und eine Hiwi-Stelle an seinem Institut. Damit müssen wir haushalten.


Empfindest du das Studium als einen guten Zeitpunkt, um ein Kind zu bekommen? 

Als ich noch keine Mama und weit davon entfernt war zu studieren, dachte ich immer, dass ich lieber eine feste Stelle haben möchte, damit ich meinem Kind auch etwas bieten kann. Jetzt sehe ich es anders. Durch die nicht allzu festen Strukturen im Alltag eines Studenten ergeben sich viele Zeitpuffer, die man wunderbar für die Familie nutzen kann. Klar kommt irgendwann die nächste Prüfungsphase und unter dem Semester ist der Druck auch nicht von der Hand zu weisen, aber wenn ich manchmal von Studierenden ohne Kind gefragt werde, wie ich das alles schaffe, dann empfinde ich es nicht als Last. Die Freiheit an einem Tag mit dem kranken Kind zu Hause zu bleiben ist jetzt viel größer, als während ich gearbeitet habe. 

Dass wir im Moment nicht so viel Geld zur Verfügung haben, eröffnet ganz andere Wege. Wir verreisen viel mehr mit unseren Eltern oder besuchen Freunde über das Wochenende. 
Für mich persönlich war es genau die richtige Entscheidung noch einmal diese Hürden auf mich zu nehmen, denn jetzt bin ich glücklich. Das kommt am Ende meiner eigenen Familie am meisten zu Gute. Außerdem kann man eine Schwangerschaft auch einplanen. Zum Beispiel so, dass man erst den Bachelor geschafft hat oder aber wenigstens einen Großteil des Studiums.


Hast du Kontakt zu anderen Studierenden mit Kind an deiner Uni? 

Leider nein.


Gibt es etwas, dass eure Uni verändern könnte/Unis verändern könnten, damit es Studierende mit Kindern leichter haben?

Es gibt da tatsächlich etwas, was ich Müttern wünschen würde. Numerus clausus Regelungen finde ich gut, es zeigt einer Uni auch, was sie wert ist und wie ihre Stellung im Vergleich mit anderen Universitäten ist. Doch wenn es um die Aufnahme von Studentinnen geht, die örtlich durch ihre Kinder durchaus gebunden sind, sollte es ihnen leichter gemacht werden, die Uni zu besuchen, die für sie mit Kind und Kegel durch Wohnortnähe gut zu erreichen ist. Scheitert eine junge Mutter daran, kann sie entweder gar nicht studieren oder muss sich für eine Alternative entscheiden. Das empfinde ich als eine Strafe und so sollte das Muttersein nicht gesehen werden.


Das ist ein guter Ansatz und auf jeden Fall ein Gedanke wert.
Wie findest du einen Ausgleich zum Unialltag? Hast du (brauchst du) manchmal Zeit für dich? 

Ich beschäftige mich gern mit schönen Dingen. Was hier so plakativ klingt, ist zum Teil auch so. Einmal bekamen wir Besuch von einem gut befreundeten Pärchen, von dem die Freundin mir bei Instagram folgt. Ihre erste Reaktion nachdem sie sich in unserem Wohnzimmer hingesetzt hatte war ein: "Ach, das kenne ich ja schon." - Was ich sagen will, was ich mag, teile ich auch gern. Instagram hat einen hohen Zeitfaktor, den ich hin und wieder versuche zu regulieren. Aber es ist auch meine Art, mich mit vielen anderen Mamas auszutauschen und darüber bin ich sehr dankbar. 

Andere Dinge, die ich für mich ganz allein nutze, sind es zu backen, ein Buch zu lesen, ein Bad zu nehmen. Wenn es demnächst auf die wärmeren Monate zugeht werde ich wieder bei einem Yogakurs teilnehmen, der im Garten der Chemnitzer Spinnerei unter freiem Himmel stattfindet. Ich mag diese Arbeit mit dem eigenen Körper, zugleich die Entspannung und die Atmosphäre der Location. 


Hast du einen besonderen Tipp für alle, die sich überlegen, während des Studiums ein Baby zu bekommen?

Während der Prüfungsperiode ist mir aufgefallen, dass ich nicht mehr lernen kann, als möglich ist. Wenn ich nachts mit einem fiebrigen Kind und meinen Karteikarten gelernt habe, dann habe ich es dennoch gern getan. Ich könnte mich nicht mehr aufteilen, dafür bin ich zu sehr Mama, die eben noch einmal studiert und weniger eine Studentin im klassischen Sinne. Partys, Poetry Slams und Amnesty International Infoabende haben ihren Wert und ich habe sie in der Vergangenheit ausgekostet und trauere dem Ganzen nicht nach. Jede junge Frau, die sich für ein Kind entscheidet, kann ich nur willkommen heißen. Unser Boot ist seetüchtig, der Anker gelichtet und vor uns liegen nur der Horizont und das Leben. Also los, volle Fahrt voraus!


Liebe Juli, ich bin dir so dankbar für deine Zeit und die interessanten Antworten. Ich wünsche dir, dass du auch weiterhin so motiviert bleibst, dass dein Studium gut verläuft und du mit deiner Wahl immer zufrieden bist. 


Juli findet ihr auf Instagram unter dem Namen julilori.




Alle bisherigen Interviews der Reihe CampusMum findet ihr hier. Und hier kommt ihr zu allen Artikeln, die sich mit dem Thema Studieren mit Kind beschäftigen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen